Equines Cushing Syndrom
Dopamin-Mangel als Ursache
Dopamin wird im Hypothalamus gebildet, einem lebenswichtigen Teil des Zwischenhirns. Dieses wirkt hemmend auf den mittleren Teil der Hirnanhangsdrüse (sog. „Pituitary pars intermedia“). Aus bislang unbekannten Gründen kommt es im Alter zur Degeneration dieser Zellen mit folgender nachlassender Dopaminproduktion. Somit entfällt die hemmende Wirkung, und es kommt zur Vergrößerung der Hirnanhangsdrüse. Durch die Entartung werden mehr Hormone produziert, vor allem das adrenocorticotrope Hormon (ACTH).
Gut zu wissen
Cushing, als Kurzform für Equines Cushing Syndrom, wird in Fachkreisen „Pituitary pars intermedia dysfunction“ genannt. Im Namen Equines Cushing Syndrom steckt der Begriff „Syndrom“. Er beschreibt das Vorliegen von mehreren Symptomen gleichzeitig, während „Pituitary pars intermedia dysfunction“ die verantwortliche Struktur benennt – den mittleren Teil der Hirnanhangsdrüse.
Welche Erscheinungsbilder gibt es?
Jedes fünfte Pferd ist von der Erkrankung betroffen. Typischerweise wird die Diagnose bei Pferden über 15 Jahren gestellt, allerdings kann jedes Pferd über 10 Jahren erkranken.
Am offensichtlichsten ist die Fellwechselstörung (Abb. 1). Anfangs fallen längere Haare an den Beinen und am Kopf auf. Der Fellwechsel läuft nicht vollständig ab, sodass das Winterfell stehen bleibt. Später ist das Fell lang, dicht und teilweise lockig (sog. Hypertrichose, Abb. 2 und Abb. 3). Manchmal kommt es auch zu Farbveränderungen.
In ca. 30 % der Fälle geht die Erkrankung mit einer Insulindysregulation einher, die zu Hufrehe führen kann. Deshalb sollte auch bei Hufrehe, insbesondere bei immer wiederkehrenden Schüben, an Cushing gedacht werde.n
Das Pferd verändert sich auch körperlich. Was gerade bei älteren Pferden auf den altersbedingten Muskelabbau geschoben wird, hat oft ein Cushing-Syndrom als Ursache. Durch Muskelatrophie im Rücken und der Kruppe entsteht ein Senkrücken, während sich Fettdepots beispielsweise am Mähnenkamm und über den Augen ansammeln.
Weniger offensichtliche Symptome sind:
• Leistungsschwäche
• erhöhte Infektanfälligkeit
• abnormes Schwitzen
• vermehrtes Trinken und häufiger Harnabsatz (Polyurie, Polydipsie)
• schlechte Wundheilung
Gut zu wissen
Cushing – Wichtige Fakten auf einen Blick:
Hauptsymptome:
- Fellwechselstörung
- Hufrehe
- verändertes Erscheinungsbild
weitere Symptome:
- abnormes Schwitzen
- Leistungsschwäche
- schlechte Wundheilung
- erhöhte Infektanfälligkeit
- Polyurie/Polydipsie
Cave: Nicht jedes Cushing Pferd zeigt die typischen Symptome.
Worauf solltet Ihr bei der Blutentnahme und beim Versand achten?
Goldstandard in der Diagnostik ist die Messung von ACTH aus dem Blut. Die Blutabnahme kann zu jeder Uhrzeit am Tag erfolgen, es müssen aber jahreszeitlich unterschiedliche Referenzwerte beachtet werden.
Das Blut sollte nicht bei akutem Stress abgenommen werden.
Tipp:
Wartet daher nach einem Transport in die Klinik bis zu 30 Minuten mit der Blutabnahme.
Das Blut für die ACTH-Bestimmung sollte in einem EDTA-Plastikröhrchen abgenommen und zügig abzentrifugiert werden.
Tipp:
Das Röhrchen muss nach Abnahme bis zum Labor unbedingt gekühlt gelagert und transportiert werden.
Auch wenn das klinische Erscheinungsbild des Pferdes eindeutig für die Diagnose spricht, sollte eine ACTH-Bestimmung stattfinden, um einen Ausgangswert für die Therapiekontrolle zu haben.
Liegt der gemessene ACTH-Wert im Graubereich, kann ein weiterführender Test mit TRH zur Stimulation durchgeführt werden. Hierbei kommt es bei positiven Pferden zum deutlichen Anstieg des ACTH-Werts.
Gut zu wissen
Im Herbst kommt es zu einem leichten Anstieg des ACTH-Spiegels, sodass der Laborreferenzwert in den Monaten August bis Oktober höher liegt als in der Zeit von November bis Juli.
Diagnose Cushing – und nun?
Cushing ist per se nicht heilbar. Allerdings ist die Erkrankung mit der Gabe von Dopaminagonisten, z.B. Pergolid, gut zu managen. Bereits nach wenigen Tagen bis Wochen sind erste klinische Verbesserungen zu erkennen.
Tipp:
Vereinbart etwa 4–6 Wochen nach Beginn der Therapie einen Termin für eine erste Blutkontrolle des ACTH-Spiegels, um die Dosis bei Bedarf anzupassen.
Es empfiehlt sich eine 1/2-jährliche Kontrolle, da mit der Zeit oft eine höhere Dosis notwendig wird.
Initial können selten Nebenwirkungen auftreten, wie Appetitlosigkeit, Ataxie, Kolik oder Durchfall. Fällt dies auf, muss das Medikament für ein paar Tage abgesetzt werden. Danach kann man mit einer geringen Dosis neu starten und diese langsam steigern.
Cave: Pergolid ist nur für nicht Lebensmittel liefernde Tiere zugelassen und zudem Doping-relevant.
Ein gutes Management ist ergänzend zur medikamentösen Therapie erforderlich
Informiert die Besitzer: innen gerne, wie sie den Therapieerfolg aktiv unterstützen können:
• Die Pferde sollten hochwertiges Heu oder Heulage zu fressen bekommen.
• Der Weidegang sollte restriktiv an den Fruktan-Gehalt im Gras angepasst werden.
• Krippenfutter sollte keine leichtverdaulichen Kohlenhydrate (Getreide) enthalten, also stärke- und zuckerarm sein. Viele betroffene Pferde haben zusätzlich eine Neigung zur Insulinresistenz.
• Obst und Karotten sollten nur in Maßen gefüttert werden.
• Proteinreiche Futtermittel (z.B. Luzerne) oder Öle helfen, den Energiebedarf des Pferdes zu decken.
• Ein gutes Entwurmungs- und Impfschema sowie regelmäßige Schmied- und Zahnarztbesuche sind wichtig, da das Pferd ein geschwächtes Immunsystem hat.
• Wunden sollten zügig behandelt werden, um größere Wundheilungsstörungen zu verhindern.
Kurz und knapp
Das Equine Cushing Syndrom ist eine Hormondysbalance aufgrund eines Dopaminmangels. Die Patienten haben typische klinische Anzeichen wie Fellwechselstörungen, ein verändertes Erscheinungsbild oder rezidivierende Hufrehe. Bei einem erhöhten ACTH-Wert sollte die Therapie eingeleitet werden. Eine regelmäßige Blutkontrolle ist zur Therapiekontrolle notwendig. Eine Optimierung des Fütterungs- und Prophylaxe-Managements kann helfen, Folgeprobleme wie Hufrehe, Infektionen und Wundheilungsstörungen zu verhindern.
Laura Göbel, Tierärztin
Pferdeklinik Burg Müggenhausen GmbH