Obstipation - Was ist das?
Nicht verwechseln: Berichten die Besitzer:innen bei fehlendem Kotabsatz von einer akuten Verschlechterung des Allgemeinzustands (Abb. 1) mit Inappetenz und wiederholtem Erbrechen, ist die Situation anders zu bewerten. Hier liegt ein akutes Abdomen vor. Dabei kann es zu einer Verlagerung des Darmes bis hin zum Ileus (Darmverschluss) kommen. Das akute Abdomen ist als absoluter Notfall einzustufen. Die Tiere befinden sich im Schockzustand. Bestelle den Patienten umgehend ein, und priorisiere ihn beim Eintreffen in der Praxis. Informiere die Tierärzt:innen bereits vorab, dass ein Notfall angekündigt ist.
Beachte: Bei der Katze sind die Symptome eines akuten Abdomens häufig weniger deutlich ausgeprägt als beim Hund. Die Besitzer:innen berichten über unspezifische Symptome, beispielsweise über Apathie und Inappetenz.
Warum entstehen die Probleme?
Die segmentalen Kontraktionen des Kolons durchmischen den Kot. Sie ermöglichen, dass Wasser absorbiert und der Elektrolythaushalt reguliert wird. Die Passagezeit des Kotes im Darm verlängert sich somit. Kontrahieren sich mehrere Kolonabschnitte über eine größere Strecke simultan, entsteht eine Massenbewegung. Diese schiebt den Kot weiter Richtung Rektum. Wird der Kot in den Mastdarm gedrückt, dehnt sich die Darmwand des Rektums. Der innere Schließmuskel des Afters wird über einen Reflexbogen stimuliert und kontrahiert sich stärker. Der Kotabsatz wird vermieden. Erreicht der nachgeschobene Kot eine ausreichende Dehnung der Darmwand und somit ein bestimmtes Reizniveau, erfolgt ein bewusster Kotabsatz. Der äußere Schließmuskel entspannt sich, und die Bauchpresse unterstützt den Kotabsatz.
Eine Obstipation entsteht immer dann, wenn der Widerstand (z.B. im Rektum) höher ist als der Druck, mit dem der Kot im Kolon transportiert wird.
Dies liegt entweder …
• an einem erniedrigten Druckaufbau im Kolon oder/und
• an einem erhöhten Widerstand (z.B. im Rektum).
Gut zu wissen
Bei einer chronischen Obstipation liegen meist ein erhöhter Widerstand (im Rektum) und ein erniedrigter Druckaufbau im Kolon vor. Sinkt die Kotabsatzfrequenz, verlängert sich die Passagezeit des Kotes durch den Darm. In dieser Zeit wird vermehrt Wasser absorbiert, was die Kotballen noch härter macht und letztlich einen höheren Druck für den Weitertransport des Kotes erfordert.
Wann erhöht sich der Widerstand?
Es gibt verschiedene Ursachen für einen erhöhten Widerstand. Die Ursache kann im Darmlumen selbst zu finden sein. Hierbei spielen Fremdkörper, Trichobezoare (bei der Körperpflege aufgenommenes Fell, das sich zu einem Knäul zusammenballt), Sand oder gefressene Knochen häufig eine Rolle.
Tipp:
Informiere die Besitzer:innen, dass die Fütterung von Knochen bei Patienten mit Obstipation vermieden werden sollte. Sie fördert die Entstehung von festem Kot, der nur schwer abgesetzt werden kann.
Die Ursache kann aber auch in der Darmwand zu finden sein, beispielsweise infolge von angeborenen Fehlbildungen, Entzündungen, eingewachsenen Fremdkörpern, postoperativen Narben, z.B. infolge einer Darm-OP oder Tumoren.
Eine chronische Einengung des Beckens erhöht den Widerstand ebenfalls, weil der Kot durch ein engeres Darmlumen gedrückt werden muss. Eine vergrößerte Prostata, Tumoren oder alte Beckenfrakturen, Verklebungen infolge einer Operation, geschwollene Lymphknoten oder Tumoren stellen nur einige mögliche Ursachen dar.
Weiterhin können Schmerzen beim Kotabsatz den Widerstand erhöhen. Äußerst schmerzhaft einzustufen sind Analbeutelabszesse sowie Fisteln im Bereich des Afters. Auch Bisswunden und Verletzungen in dieser Region oder eine Hüftgelenksdysplasie (Abb. 2) können dazu führen, dass die Tiere den Kotabsatz bewusst vermeiden.
Der Einfluss von Umweltfaktoren ist ebenfalls nicht zu unterschätzen.
Tipp:
Frage die Besitzer:innen nach möglichen Stressoren, wie ranghöheren Tieren oder einem Aufenthalt in einer Tierpension, aber Katzenbesitzer:innen auch danach, wie häufig sie das Katzenklo säubern (Abb. 3).
Wann ist der Druckaufbau im Kolon erniedrigt?
Ursächlich kann eine neuromuskuläre Erkrankung sein, z.B. eine Rückenmarkserkrankung, eine gestörte Funktion des autonomen Nervensystems oder ein Megakolon (massive Erweiterung des Kolons mit verringerter Motilität). Auch eine Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) kann Einfluss haben. Mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten dürfen als Auslöser nicht vergessen werden: Barium-haltiges Kontrastmittel oder Opiate stellen nur zwei mögliche Beispiele dar.
Wie ist das diagnostische Vorgehen?
Bei einem Patienten mit Obstipation stehen diagnostisch eine gründliche Anamnese, die klinische Untersuchung mit digitaler Palpation des Rektums und die Anfertigung von Röntgenbildern des Abdomens in zwei Ebenen im Fokus.
Tipp:
Anamnestisch sollten auch Futter/Fütterungsmanagement, Trinkgewohnheiten sowie umwelt- und verhaltensbedingte Ursachen erfragt werden.
Nicht selten sind banale Faktoren wie die Fütterung von Knochen, körperliche Inaktivität, zu wenig Katzenklos in Relation auf die Anzahl der Katzen im Haushalt oder Stressoren wie ein Umzug ursächlich für die Beschwerden.
Bei der digitalen Palpation des Rektums können Passagebehinderungen des Enddarms ertastet werden. Analring, Analbeutel, Prostata und Harnröhre können ebenso beurteilt werden wie die Beckenöffnung. Es lassen sich ggf. Umfangsvermehrungen oder Verengungen im Rektum und kaudalen Kolon ertasten und Perianalhernien und -fisteln diagnostizieren. Um eine gründliche Palpation zu ermöglichen, kann eine Sedation oder Narkose gerechtfertigt sein. Diese ist insbesondere bei kleinen Hunden, Katzen, ängstlichen Tieren und Patienten mit schmerzhaften Analproblemen wie Fisteln oder Abszessen indiziert.
Ergibt die digitale rektale Untersuchung keine eindeutigen Befunde, sollte eine Röntgenuntersuchung des Abdomens in zwei Ebenen angefertigt werden.
Tipp:
Achte beim Anfertigen der Röntgenaufnahmen darauf, auch das gesamte kaudale Abdomen inklusive des gesamten Beckens anzufertigen.
Ist die Ursache nicht eindeutig, können sich weiterführende Untersuchungen anschließen.
Die Therapie ist so individuell wie die Ursache selbst
Die Therapie hängt maßgeblich vom Schweregrad der Obstipation ab. Sie reicht von einem verbesserten Ernährungs- und Bewegungsmanagement über die Verabreichung eines Klistiers bis hin zur vollständigen Entleerung des Kolons. Eine medikamentöse Therapie mit Stimulanzien ist vor allem bei schwer behandelbaren Fällen empfehlenswert. Bei Patienten mit hochgradiger Obstipation ist immer eine Entfernung des Kotes bzw. eine Leerung des Kolons indiziert. Bei schlechtem Allgemeinbefinden können eine manuelle Entleerung und Darmspülung – ggf. in Narkose – erforderlich sein.
Die auslösenden Ursachen der Obs-
tipation sollten therapiert werden, um die Beschwerden langfristig bekämpfen zu können. Die Therapie richtet sich immer nach der Ursache selbst.
Gut zu wissen
Bei entsprechenden Kenntnissen kann die Therapie durch Akupunktur, Neuraltherapie, Phytotherapie oder unterschiedliche physiotherapeutische und physikalische Maßnahmen sinnvoll unterstützt werden. Als Massagetechniken eignen eine lokale Kolonmassage, eine Reflexpunktmassage (nach Vogler) oder eine Segmentmassage (nach Head und Dicke). Positive Auswirkungen hat zudem eine Hydrotherapie in Form von Leibwickeln, einer segmental angewendeten heißen Rolle oder einer lokalen warmen Kompresse. Vielversprechend wirkt sich zudem eine Interferenzstrom-Regulationstherapie aus.
Jetzt kommst Du ins Spiel!
Die Beratung der Besitzer:innen spielt sowohl therapeutisch als auch prophylaktisch bei der Vorbeugung eines Rezidivs eine entscheidende Rolle.
Die Tiere sollten sich …
• mehr bewegen (Abb. 4),
• mehr trinken (Abb. 5) und
• rohfaserreich ernährt werden.
Eine rohfaserreiche Ernährung fördert die Motilität des Darms, die Peristaltik und somit die Kotabsatzfrequenz. Auch Füll- und Quellstoffe (Flohsamen, Futterzellulose mit Rübenfaser oder Weizenkleie) können die Symptome lindern. Milchzucker oder Laktulose wirken sich aufgrund ihrer mild abführenden Wirkung ebenfalls positiv auf die Obstipation aus.
Übergewichtige Hunde und Katzen leiden vermehrt unter Verstopfung.
Tipp:
Empfehle den Besitzer:innen übergewichtiger Tiere zusätzlich eine Reduktionsdiät
Gut zu wissen
Katzen sind Jäger, die einen großen Teil ihrer Zeit mit der Beobachtung und Jagd ihrer Beute verbringen. Wenn die Besitzer:innen ihnen das Futter auf zwei oder drei Mahlzeiten verteilt in einem Napf anbieten, sind sie gelangweilt (Abb. 6). Anders ist es, wenn sie das Futter auf 10 bis 15 kleinere Mahlzeiten über Tag und Nacht aufteilen und verstecken. Ob unter dem Bett oder dem Sofa, im Regal oder im Garten – es bieten sich viele Möglichkeiten an, um die Beutesuche zu imitieren und die Katze zur Bewegung zu animieren.
Kurz und knapp
Die Obstipation von Hund und Katze kann viele Ursachen haben. Sie erfordert immer eine klinische Untersuchung mit gründlicher Anamnese, digitaler Palpation und ggf. eine Anfertigung von abdominalen Röntgenbildern in zwei Ebenen. Prophylaktisch steht Deine Beratung im Fokus. Durch ein angepasstes Management können die Besitzer:innen das Rezidivrisiko senken.
Dr. Jennifer Nehls
Pressebüro für Human- und Tiergesundheit
tfa@drjennifernehls.de