Schmerzerkennung bei Katzen
Die Zahl der von Schmerzen betroffenen Katzen und der Katzen, bei denen die Schmerzen auch in der Praxis wirklich erkannt werden, klafft weit auseinander. Als potenzielle Beutetiere sind Katzen (ähnlich wie Kaninchen) Meister darin, ihre Schwächen und Schmerzen zu verbergen. Sie wirken daher gerade in der ungewohnten Praxisumgebung oft deutlich gesünder, als sie es eigentlich sind.
Deshalb ist es umso wichtiger, …
- auf subtile Schmerzanzeichen zu achten,
- eine gründliche Anamnese durchzuführen,
- Besitzeraufklärung zu betreiben und
- die Sorgen der Haltender: innen ernst zu nehmen.
Eine gute Schmerzerkennung (Abb. 1) ist also für zeitgemäße Katzenmedizin unabdingbar.
Nur dadurch sind Erkennung von Krankheits- und Verletzungsanzeichen, adäquates Schmerzmanagement und ausreichende Therapieüberwachung überhaupt möglich.
Gut zu wissen
Rein statistisch gesehen hat eine Katze höchstwahrscheinlich wirklich ein Problem, wenn die Halter: innen von Auffälligkeiten zu Hause berichten. Nur muss dieses Problem nicht unbedingt auf den ersten Blick auch in einer standardisierten allgemeinen Untersuchung sichtbar werden, sondern kommt oft erst in weiterführenden Untersuchungen ans Licht.
Die „Feline Grimace Scale“
Eine sehr sichere Methode zur Schmerzerkennung, über die auch Tierhaltende unbedingt mittels Bildmaterials aufgeklärt werden sollten, ist der „Feline Grimace Scale“. Anhand von Kopfhaltung, Augen-, Ohren- und Schnurrhaarstellung sowie Anspannungsgrad der Maulpartie kann auf einer Skala von 1–10 ein „Schmerzscore“ festgelegt werden.
Tipp:
Für die Anwendung zu Hause gibt es eine kostenfreie App, mit der die Katzenhalter: innen mithilfe von Grafiken und Beispielbildern selbst ihre Katze beurteilen können. Du findest sie hier
Aktuell sind auch mehrere Projekte zur Entwicklung KI-gestützter Apps zur Schmerzerkennung anhand der „Feline Grimace Scale“ in Arbeit.
Tipp:
Bitte die Katzenhalter: innen, mindestens ein Foto ihrer Katze in einer entspannten Situation beim „Dösen“ mitzubringen und wende auf dieses Foto die „Feline Grimace Scale“ an.
Berücksichtigt Ihr die „Feline Grimace Scale“, wird die Zahl der täglich vorstelligen Katzen mit Schmerzverdacht vermutlich innerhalb weniger Tage rapide ansteigen und eine deutlich bessere Patientenversorgung ermöglichen.
Gut zu wissen
Ein Schmerzscore > 4 (Abb. 2, Abb. 3) ist ein deutlicher Hinweis auf behandlungswürdige Schmerzen. Auch in der Anästhesie ist die „Feline Grimace Scale“ eine wertvolle Hilfe, um eine individuell angepasste Schmerztherapie zu ermöglichen.
Bewertung nach „Feline Grimace Scale“
- abgewinkelte Ohren (2 Punkte)
- zusammengekniffene Augen (2 Punkte)
- angespannte Schnurrhaare (2 Punkte)
- angespannte Maulpartie (1–2 Punkte)
- Kopf ist noch etwas über der Schulterlinie (0–1 Punkt)
Summe = 7–9 Punkte: eindeutig schmerzhaft
Auffälligkeiten in den Bewegungsmustern
In der Praxis fällt dem geschulten Auge eine Lahmheit oder deutliche Schmerzhaftigkeit zwar schon auf – doch gerade bei Katzen, die noch wenig Medical Training erfahren durften und in der Praxis eher unsicher sind und sich kaum bewegen, ist die Beurteilung orthopädischer Auffälligkeiten oft schwierig. Hier hilft es, die Katzenhalter: innen mit einzubeziehen und die Diagnostik durch gezielte Nachfragen und die Beurteilung von Videoaufnahmen aus dem häuslichen Umfeld zu erleichtern.
Tipp:
Gib den Halter: innen vorher möglichst genaue Angaben, was auf dem Video zu sehen sein soll und aus welchem Winkel sie filmen sollen.
Checkliste
Wichtige Fragen, die Hinweise auf orthopädisch bedingte Schmerzursachen liefern können:
Beweglichkeit:
- Kann die Katze sich nach Ruhephasen komplett strecken, inkl. der gesamten Wirbelsäule und aller 4 Beine oder macht sie nur einen eher halbherzig wirkenden Ansatz dazu?
Verhalten bei Sprüngen nach oben, z.B. auf einen Stuhl oder ihren Kratzbaum:
- Springt die Katze selbstbewusst, ohne vorherige Überlegung oder zögert sie vorab häufig?
- Kann sie in einem einzigen Sprung springen oder muss sie sich mit den Vorderbeinen hochziehen?
Verhalten bei Sprüngen nach unten, z.B. von einem Regal hinunter:
- Macht sie einen einzigen Sprung oder mehrere kleine über „Zwischenstufen“?
- Springt sie flüssig oder zögert sie und tastet sich vorsichtig mit den Vorderpfoten voran?
Verhalten beim Treppensteigen:
- Läuft sie „in einem durch“ oder macht sie immer wieder Pausen?
- Läuft sie flüssig oder eher hoppelnd im Hasengang (treppauf) oder mit seitlich verschobenem Körper (treppab)?
Putzverhalten:
- Kann die Katze sich an allen Bereichen ihres Körpers selbstständig mit Zunge und/oder Pfoten putzen oder werden bestimmte Bereiche ausgespart?
Auswertung: Die erste Variante wäre bei einer gesunden Katze zu erwarten, die jeweils zweite dagegen weist auf potenzielle Schmerzen und Bewegungseinschränkungen hin.
Auch die Frage nach Lieblingsplätzen der Katze kann sehr aufschlussreich sein. Naturgemäß bevorzugen die meisten Katzen erhöhte Liegeplätze mit gutem Ausblick. Liegt eine Katze dagegen hauptsächlich auf dem Boden oder nutzt frühere erhöhte Lieblingsplätze plötzlich nicht mehr, sind wahrscheinlich Schmerzen die Ursache.
Gibt es Verhaltensauffälligkeiten?
Hierbei gilt der Grundsatz: Jede Verhaltensveränderung oder Verhaltensstörung ist potenziell erst einmal mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit schmerzbedingt und bedarf einer gründlichen diagnostischen Abklärung, inkl. Bildgebung. Zahnpathologien können beispielsweise ohne Dentalröntgen nicht sicher ausgeschlossen werden. Viele Katzen zeigen Zahnschmerzen nicht durch eine geringere Futteraufnahme. Damit würden sie langfristig verhungern, was evolutionär betrachtet ungünstig wäre. Vielmehr zeigen sie andere Verhaltensauffälligkeiten, häufig kombiniert mit einem erhöhten Schmerzscore.
Tipp:
Frage die Besitzer: innen, ob die Katzen auffällig viel Schlecken, Knabbern oder gerne nicht fressbare Gegenstände benagen oder fressen („Pica-Syndrom“)? Wenn ja, leiden sie häufig an Zahnschmerzen oder Übelkeit.
Checkliste
- Zu den typischen Verhaltensveränderungen, die auf Schmerzen hinweisen, zählen je nach Schmerzursache und Charakter der Katze folgende Beispiele:
- Unsauberkeit (Harn- und/oder Kotabsatz außerhalb der Katzentoilette)
- Aggressionen gegen Partnerkatzen (Abb. 5), Menschen oder andere Tiere
- „Rolling Skin Syndrom“ (auffälliges Rollen der Haut am Rücken entgegen der Haarrichtung)
- Vokalisieren, also häufiges Miauen ohne erkennbare Ursache
- vermehrtes oder reduziertes Putzverhalten
- weniger Appetit, aber auch gesteigerte Nahrungsaufnahme
- Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit, Rastlosigkeit oder Unruhe
- Ängste
- vermehrter Rückzug, längere Ruhephasen, reduzierte Aktivität, weniger Interesse an Spieleinheiten etc.
- vermehrtes oder selteneres Aufsuchen von kühlen oder warmen Orten
- weniger Interesse an Streicheleinheiten oder auch vermehrtes Einfordern von Körperkontakt
Diese Checkliste zu den typischen Verhaltensveränderungen ließe sich weiter ergänzen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass jede Verhaltensveränderung potenziell schmerzbedingt ist.
Gut zu wissen
Wann immer durch Vermutungen der Katzenhalter: innen, eigene Beobachtungen von Körperhaltung und Gesichtsausdruck oder Beschreibungen des Verhaltens in gewohnter Umgebung ein Verdacht auf Schmerzen besteht, sollte diesem unbedingt nachgegangen werden. Rein statistisch gesehen ist in den allermeisten Fällen auch eine Ursache zu finden, wenn man genau hinsieht und die entsprechenden diagnostischen Möglichkeiten nutzt.
Kurz und knapp
Die „Feline Grimace Scale“ ist eine sichere Methode, um Schmerzen einer Katze zu erkennen. Ist die Ursache gefunden ist, kann sie auch behandelt und die Lebensqualität der Tiere verbessert werden. Die Schmerzanzeichen sind immer deutlich erkennbar – wenn man weiß, wonach man sucht.
Denise S. Riggers
Praktizierende Tierärztin; Schwerpunkt auf Gastroenterologie & Verhaltenstherapie bei Katzen
Mobile Tierarztpraxis Riggers, kitcats-katzenverstehen.de
Ottobrunner Str. 29, 85640 Putzbrunn
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