Der Fundvogel
Perfektes Timing, dachte ich sarkastisch.
Schnell warf ich die Röhrchen und Kästchen wieder in ihr Versteck und ging ans Telefon. Der Anrufer hieß Bode und hatte einen Vogel. Seine Worte, nicht meine!
Genaugenommen hatte er einen verletzten Greifvogel gefunden, der offenbar sehr schwach und unterkühlt war.
„Bringen Sie ihn gern direkt vorbei, wir kümmern uns um ihn“, bot ich an.
Der Anrufer hatte allerdings kein Auto und keine Möglichkeit, den Vogel zu uns zu bringen, bis seine Tochter von der Arbeit zurück war. Ich bat ihn, mir den Zustand des Tieres genauer zu beschreiben. Anscheinend hatte er keine sichtbaren Verletzungen und atmete normal – er war nur nicht weggeflogen, als Herr Bode ihn mitten auf der Straße vor seinem Haus gefunden hatte. Nun saß er in einem Karton im Wohnzimmer und harrte der Dinge, die da kamen.
„Vielleicht ist er irgendwo vorgeflogen oder von einem Auto erwischt worden“, sagte ich. „Für den Moment ist er ja bei Ihnen sicher. Bis Sie ihn zu uns bringen können, sollten Sie ihn auf jeden Fall schön warmhalten.“
„Der Karton passt aber nicht in den Ofen“, gab Herr Bode zu bedenken. Todernst.
Ich verschluckte mich fast an meiner eigenen Spucke. „Äh, das meinte ich auch nicht“, stellte ich klar. Hoffentlich würde er nicht als nächstes die Mikrowelle vorschlagen … „Sie könnten ihm eine lauwarme Wärmflasche in den Karton legen.“
„Ich habe keine Wärmflasche.“
„Dann können Sie auch ein paar Gummihandschuhe mit warmem Wasser füllen“, schlug ich vor.
„Kann er denn dann noch atmen?“, fragte der Anrufer besorgt.
„Na klar. Sie müssen die Handschuhe ja nicht direkt auf ihn drauflegen.“
Stille.
„Sind Sie noch da?“, fragte ich nach einer Weile.
„Ja, natürlich.“ Herr Bode räusperte sich etwas unbehaglich. „Das heißt, ich stecke ihn nicht in den Handschuh, ja?“
„Den Vogel? Nein, bloß nicht!“ Um ein Haar wäre ich von der Leiter gefallen. Drücke ich mich so unklar aus? „Sie sollen die Handschuhe wie eine Wärmflasche mit lauwarmem Wasser füllen, zuknoten und zu dem Vogel in den Karton legen“, erklärte ich.
„Ach so. Ich habe aber keine Gummihandschuhe“, antwortete der Anrufer bedauernd.
Du nimmst mich doch auf den Arm!, dachte ich fassungslos. Warum diskutieren wir über reinstecken oder reinlegen, wenn du sowieso nichts davon machen kannst? Ich atmete tief ein und wieder aus. „Haben Sie sonst irgendetwas Ungefährliches, das Sie als Wärmflasche verwenden könnten?“, fragte ich dann.
„Ich habe gerade ein Brot gebacken“, sagte Herr Bode nachdenklich.
Ich kicherte unprofessionell. Das musste einfach ein Witz sein. Oder? Um einfach aufzulegen, war ich mir nicht sicher genug. Was, wenn der Anrufer es wirklich nur gut meinte? Also blieb nur eine Reaktion übrig: mitspielen.
„Gute Idee“, lobte ich also. „Wenn es nicht mehr allzu heiß ist, können Sie gern das Brot zu dem Vogel legen.“
Misstrauisch sah ich mich von meinem Leiterplatz aus in der Praxis um: Hoffentlich hatte das niemand gehört.
„Ah!“, freute sich der Mann in diesem Moment. „Da kommt ja meine Tochter. Dann bringen wir den Adler jetzt zu Ihnen.“
„Wunderbar, wir sind hier“, bestätigte ich. Mann, was war ich gespannt auf das Treffen – auf Herrn Bode, den Vogel, das Brot, eigentlich alles!
Wenige Minuten später war es so weit. Ein älterer Herr mit einem erstaunlich kleinen Karton trat zu mir an die Anmeldung.
„Hallo Herr Bode“, begrüßte ich ihn. „Dann schauen wir uns Ihren Schützling doch mal an.“
Vorsichtig öffnete ich den Karton. Der Greifvogel war eine Taube. Und falls sie eben noch schwach und unterkühlt gewesen war – genau jetzt feierte sie die Party ihres Lebens. Freudig pickte sie an einem verführerisch duftenden Brotlaib, der den größten Teil des Kartons einnahm. Weihnachten im November? Für eine glückliche Taube war das gerade Realität geworden!