Die Maulhöhle des Pferdes

»Nele Hamer«

Höhlenforscher: innen in der Tiermedizin

Die Maulhöhle beim Pferd – eine dunkle Höhle wie jede andere? Wir bringen Licht ins Dunkel! Was ist ein Höhlenforscher auf seiner Expedition ohne sein spezifisches Equipment? Verglichen werden kann dies mit der instrumentellen Ausstattung eines Tierarztes für die Routinezahnbehandlung beim Pferd. Nele Hamer klassifiziert und erläutert relevante Instrumente in der Zahnmedizin des Pferdes.

Welche Untersuchung erfolgt bei der Routinezahnbehandlung?

Bei der Maulhöhlenuntersuchung (Abb. 1, Abb. 2) ist es entscheidend, sich auf seine Sinne zu verlassen. Durch Adspektion und Palpation kann eine er-ste Bestandsaufnahme der Zahnreihen erfolgen. Durch die Überprüfung der Okklusion können akustische Reize wahrgenommen werden und das nasale Wahrnehmen von einem möglichen Foetor ex ore (Geruch aus der Maulhöhle) kann erste Hinweise auf pathologische Zustände im Bereich der Maulhöhle geben. Unter Berücksichtigung des Signalements und der Anamnese werden die Befunde in Beziehung gesetzt.
 

Eine Routinezahnbehandlung beinhaltet:

  1. Signalement und Anamnese 
  2. Sedation des Zahnpatienten
  3. Adspektion und Palpation des knöchernen Pferdekopfs und der angrenzenden Weichteilstrukturen
  4. Adspektion der Schneidezähne (unter Umständen erst Korrektur notwendig vor Schritt 5)
  5. Ausduschen des Pferdemauls und Einsetzen des Maulgatters 
  6. Adspektion und Palpation der Maulhöhle mit Stirnlampe, Dentalspiegel (Abb. 3a) und/oder Maulhöhlenendoskop (Abb.2)
  7. Dentalsonden (Abb. 3b): stumpf für Zahnzwischenräume/-taschen,spitz für Infundibula/Pulpenpositionen 
  8. Zahnkorrektur mittels Zahnraspeln (Backen- und Schneidezähne)

 

Tipp:
Eine Routinezahnbehandlung beim Pferd sollte unter Berücksichtigung der individuellen Begebenheiten und spezifischen Bedürfnisse mindestens jährlich durchgeführt werden. 

Gut zu wissen

Die Zähne des Pferdes unterliegen ein Leben lang einem physiologischen Zahnabrieb. Vor Beginn des Zahnabriebs weist ein Backenzahn beim Pferd eine Länge von 10–12 cm auf.

Welche Instrumente sind für Backenzähne nötig?

Anders als bei den Schneidezähnen, die vor allem für das Greifen des Futters verantwortlich sind, bilden die Backenzähne (Prämolaren und Molaren) als geschlossene Zahnreihe eine funktionelle Einheit. Diese dient dem Zerkleinern und Mahlen des Futters. Damit die Physiologie dieses funktionellen Komplexes aufrechterhalten werden kann, ist ein gezieltes Anpassen der Kaufläche zur Erhaltung des Kaumechanismus unerlässlich. Vor allem das Auftreten von Zahnhaken und -kanten kann zu schmerzhaften Läsionen im Bereich der Wangen- und Zungenschleimhaut führen und einen veränderten Kauvorgang mit sich ziehen. Für die Kauflächen und größere Zahnrampen nutzt der Tierarzt die Disc (Abb. 4a) oder Walzenfräse (Abb. 4b und c). Für die Korrektur der lateralen und medialen Zahnflächen eignet sich hier aufgrund seiner Form vor allem der Apple Core (Abb. 4d).

 

Gut zu wissen

Bei der Behandlung der Backenzähne ist allerdings zu jederzeit Vorsicht geboten, da bei einem zu radikalen Fräsen empfindliche Strukturen wie die Zahnpulpen eröffnet werden könnten. Auch bei höhergradigen Kauflächenveränderungen, beispielsweise einem Wellengebiss, sollten diese nur schrittweise angepasst werden. Weichteilstrukturen der Maulhöhle wie etwa die Wangen- und Gaumenschleimhaut und die Zunge sind vor Verletzungen durch die Zahnraspeln zu schützen. Zudem sollte zu jeder Zeit berücksichtigt werden, dass die Zahnsubstanz, die durch die iatrogene Zahnbehandlung weggeraspelt wurde, nicht wieder ersetzt wird. Die Devise ist hier: So viel wie nötig, so wenig wie möglich.  

Unter der Zuhilfenahme von Dentalsonden (Abb. 3b) können feinere und schlecht erreichbare Strukturen in der Maulhöhle leichter untersucht werden. Eingekeilte Futterreste können mit stumpfen Dentalsonden entfernt und Zahntaschen und möglicherweise entstandene Diastemata sondiert werden. Spitze Dentalsonden eignen sich besonders für das Sondieren von Pulpenpositionen und den, sich ausschließlich im Oberkiefer befindenden, Infundibula. Es handelt sich dabei um die von Schmelzfalten umgebenen Zementbecher. 
 

Tipp:
Eine gründliche Reinigung der Zahninstrumente und das regelmäßige Fetten der Zahnraspeln erhöht die Langlebigkeit des Instrumentariums.

Glossar

Als Diastema bezeichnet man die in einer Zahnreihe entstandenen angeborenen oder erworbenen Zwischenräume benachbarter Zähne. Diese können offen oder ventilförmig sein. Im Bereich der Lade ist das Diastema physiologisch.

Als Infundibula bezeichnet man die mit Zahnzement gefüllten Einstülpungen des Zahnschmelzes, die sich auf der Kaufläche der Schneidezähne und der Backenzähne des Oberkiefers befinden.

Die Okklusion ist die räumliche Beziehung, die der Ober- und Unterkiefer während des Kauvorgangs zueinander haben. Sie ist wichtig, um die „3-Punkt-Balance“ bestehend aus den Kontaktpunkten von Kiefergelenk, Backenzahnreihen und Schneidezähnen zu erhalten. Die Okklusion gewährleistet den physiologischen Zahnabrieb und den Kaumechanismus.

Die Pulpenpositionen entsprechen den Lokalisationen der Zahnpulpen des jeweiligen Zahnes. Die Pulpahöhle (Cavum dentis) mit der Zahnpulpa enthält die sensiblen Strukturen des Zahnes, beispielsweise die Blutgefäße und Nerven. 

Gut zu wissen

Für spezielle Zahnbehandlungen, beispielsweise der Schneidezahn-/Wolfszahn-/Backenzahnextraktion, der Milchkappenentfernung oder der Behandlung von Diastemata wird Spezialinstrumentarium benötigt. Bei der Zahnerkrankung EOTRH (Equine Odontoclastic Tooth Resorption and Hypercementosis), die vor allem bei Robustpferderassen vorkommt, läuft die letztendliche Therapie immer auf eine Extraktion der betroffenen Zähne mit entsprechendem Spezialinstrumentarium hinaus. 

Welche Instrumente sind für Schneidezähne nötig?

Im Bereich der Schneidezähne (Inzisivi) kommt eine diamantbesetzte Scheibe (Schneidezahnscheibe, Abb. 5) zur Adaption der Okklusionslinie und -flächen zum Einsatz.

Eine Behandlung der Inzisivi beim Pferd ist unter anderem indiziert bei:

  • einem abweichenden Zahnbogen
  • überlangen, verkippten oder rotierten Schneidezähnen 
  • bei einem Über- oder Unterbiss
     

Kurz und knapp

Für die Routinezahnbehandlung des Pferdes kommt ein speziell entwickeltes Instrumentarium zum Einsatz. Ziel ist es, den physiologischen Kaumechanismus zu erhalten und ggf. wiederherzustellen. Ein Pferd ohne bekannte Zahnerkrankung und Symptome sollte grundsätzlich jährlich beim Tierarzt zur Maulhöhlenuntersuchung und Routinezahnbehandlung vorstellig werden.

Alle Abbildungen © Nele Hamer

Portrait Frau Hamer
Autorin

Nele Hamer

Tierärztin, Pferdeklinik Bargteheide
 

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