Flächendesinfektion in der Tiermedizin: klein, groß, kritisch
Was lauert auf der Fläche? Mikroorganismen verstehen
Bei der Prävention von nosokomialen Infektionen ist es wichtig, dass wir verstehen, welche Mikroorganismen relevant sind. Nicht jeder Erreger, den wir im Labor auf den Flächen finden, hat das Potenzial unseren Patienten zu schaden. Tierische Patienten bringen eine Vielzahl von Keimen mit. Viele davon sind normale Haut- und Umweltkeime, die erstmal kein Problem darstellen. Grundsätzlich unterscheiden wir in Bakterien, Viren und Pilze.
Bakterien:
- grampositive Bakterien, z. B. Staphylococcus aureus
- gramnegative Bakterien, z. B. E. coli, Klebsiella pneumoniae
Diese können durch ihre besondere Resistenzlage gegenüber Antibiotika und eine geringe Empfindlichkeit gegen bestimmte Desinfektionsmittel ein besonderes Problem darstellen. Einige Bakterien, z.B. Clostridien, können sogenannte Bakteriensporen bilden. Diese sind besonders resistent und brauchen ein sporizides Desinfektionsmittel.
Viren:
- behüllte Viren, z.B. Canines Herpesvirus, Coronaviren. Diese sind aufgrund ihrer Lipidmembran einfach zu bekämpfen.
- unbehüllte Viren, z.B. Parvoviren. Sie sind stabiler als behüllte Viren und erfordern daher besonders leistungsstarke Desinfektionsmittel.
Tipp:
Unbehüllte Viren wie Parvoviren überleben über Wochen auf Oberflächen und sind nur mit „viruziden“ Desinfektionsmitteln bekämpfbar.
Pilze können ebenfalls Ursache für nosokomiale Infektionen sein. Bekannter sind sicher Hautmykosen, schwere Atemwegserkrankungen bis hin zu Blutstrominfektionen. Pilze sind aufgrund ihrer Umweltresistenz und der Sporenbildung eine Herausforderung.
Gut zu wissen
Die Wirksamkeitsbezeichnung Levurozid bedeutet, dass ein Desinfektionsmittel gegen Hefepilze wirkt, z.B. Candida. Fungizide Desinfektionsmittel wirken auch gegen Schimmelpilze sowie deren Pilzsporen.
Reinigen oder Desinfizieren? Und wie oft?
Flächen können für die Übertragung von Krankheitserregern verantwortlich gemacht werden, abhängig von der Erregerlast, Virulenz (Fähigkeit des Krankheitserregers, eine Erkrankung hervorzurufen), Resistenz und Tenazität (Widerstandsfähigkeit gegenüber äußeren Einflüssen) in der Umgebung.
Im klinischen Alltag sollte zwischen Reinigung und Desinfektion unterschieden werden. Die Reinigung dient der Entfernung von sichtbarem Schmutz und Keimen durch mechanische und chemische Mittel. Sie ist Voraussetzung für eine wirksame Desinfektion, bei der pathogene Keime gezielt inaktiviert werden. Die desinfizierende Flächenreinigung in einem fasst beide Arbeitsschritte zusammen.
Tipp:
Eine desinfizierende Flächenreinigung sollte nur erfolgen, wenn keine starke Verschmutzung der Fläche vorliegt.
Bei der Erstellung des Hygieneplans sind die einzelnen Flächen nach den folgenden Kriterien zu bewerten und entsprechend häufig zu reinigen und zu desinfizieren:
- Wahrscheinlichkeit der mikrobiellen Kontamination und Potenzial zur Freisetzung von Krankheitserregern
- Wahrscheinlichkeit, mit der sich Personal oder Patienten direkt an der Fläche kontaminieren können
- Notwendigkeit einer pathogenfreien Umgebung bei aseptischen Tätigkeiten
- Infektionsanfälligkeit des Patienten
- Gefährdung des Personals durch Krankheitserreger
Die 5 Momente der Flächendesinfektion:
- Basishygiene: desinfizierende Flächenreinigung im Rahmen der Pflege/Behandlung, insbesondere häufig berührter Flächen (Abb. 1)
- nach Kontamination mit potenziell erregerhaltigem Material
- vor aseptischen Tätigkeiten auf der Arbeitsfläche
- Schlussdesinfektion
- Maßnahmenbündel bei Ausbrüchen von nosokomialen Infektionen
Tipp:
Immer zuerst reinigen, dann desinfizieren. Verschmutzungen können die Wirksamkeit des Desinfektionsmittels stark beeinträchtigen.
In der Humanmedizin unterscheidet man:
- begrenzt viruzid: gegen behüllte Viren
- begrenzt viruzid PLUS: zusätzlich gegen Adeno-, Rota-, Noroviren
- viruzid: gegen alle Virustypen
- bakterizid: gegen grampositive und -negative Bakterien
- fungizid: gegen Hefen und Schimmelpilze
- sporizid: gegen sporenbildende Bakterien, z. B. Clostridioides difficile
Tipp:
Nicht alle viruziden Mittel aus dem Humanbereich sind für die Tiermedizin als viruzid einzustufen. Beachte die DVG-Liste.
Ein anderes Problem stellen die Materialverträglichkeit und das Gesundheitsrisiko dar:
- Alkoholhaltige Mittel können Acrylglas trüben oder empfindliche Oberflächen austrocknen.
- Aldehyde sind zwar hochwirksam, aber aus toxikologischen Gründen abzulehnen, weil verträglichere Alternativen zur Verfügung stehen.
- Sauerstoffabspalter wie Peressigsäure sind korrosiv und können reizend und inhalativ neurotoxisch sein.
- Quartäre Ammoniumverbindungen (QAV) haben eine gute Materialverträglichkeit, können aber Atemwegserkrankungen fördern und sind bei der Wirksamkeit limitiert.
- Hyperchlorhaltige Mittel können Atemwegsreizungen verursachen und sind stark geruchsbelästigend.
Gut zu wissen
Für Flächendesinfektionsverfahren sind die Anforderungen an die Wirksamkeit durch europäische Normen und nationale Prüfmethoden festgelegt. Wichtig hierbei ist, dass der Verschmutzungsgrad bei der Testung zwischen Human- und Tiermedizin sowie auch z.T. die Testkeime unterschiedlich sind. Bei der Wahl des Desinfektionsmittels sollte die DVG-Liste für Tierarztpraxen und Tierhaltung zu Rate gezogen werden.
Wischen statt sprühen! Anwendung richtig gemacht
Sprühdesinfektion nur bei schwer zugänglichen Stellen einsetzen. Hierbei sollte gut gelüftet werden.
Wischdesinfektion (Abb. 2) ist Standard, weil:
- gleichmäßige Benetzung
- geringe Aerosolbildung
- mechanische Entfernung von Schmutz
Tipp:
Grundsätzlich gilt es, die Einwirkzeit und Dosierung laut Hersteller einzuhalten. Nicht nachwischen oder trocknen.
Wenn es ernst wird: Vorgehen bei Ausbrüchen und Hochrisikopatienten
Bei Verdacht oder Bestätigung eines nosokomialen Ausbruchs/Hochrisikopatienten ist folgendes Vorgehen empfehlenswert:
- Isolieren des betroffenen Tieres
- Desinfektion aller Kontaktflächen und Übertragungswege mit viruzid/sporizid wirksamem Mittel
- Kontaktpersonen informieren
- Dokumentation
Gut zu wissen
Wenn Ihr mehr zu dem Thema Hygiene und der Prävention von nosokomialen Infektionen erfahren möchtet, schaut bei der B. Braun Vet Care Hygienekampagne "In Deinen Händen“ vorbei. Oder besucht das WebSymposium „Hygienemanagement in der Tierarztpraxis für TFA“ von Laura Rohwedder: https://symposien.vet/symposien/show/2091
Kurz und knapp
Eine wirksame Flächendesinfektion ist essenzieller Bestandteil der Hygienekette in jeder tiermedizinischen Einrichtung. Sie unterbricht Infektionsketten, reduziert das Risiko nosokomialer Infektionen und schützt Patienten und Personal. Dabei müssen Desinfektionsmittel sorgfältig nach Wirkspektrum (Tab. 1), Anwendung und Materialverträglichkeit ausgewählt werden. Der Hygieneplan gibt die Frequenz und Methodik klar vor. Im Ausbruchsfall gilt: schnell reagieren, isolieren und dokumentieren.
Legende
+ = wirksam
± = teils wirksam
– = nicht wirksam/unzureichend untersucht
Dr. Laura Rohwedder
Tierärztin; Fachtierarzt für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie; Hygieneexpertin
B. Braun Vet Care GmbH
laura.rohwedder@aesculap.de