Ein Schlag, der den ganzen Körper auf einmal trifft

Der Sommer kehrt bald zurück, und die meisten von uns freuen sich über Sonnenschein, warme Temperaturen und die Möglichkeit, unsere Freizeit mit unseren geliebten Vierbeinern draußen verbringen zu können. Hohe Temperaturen können aber auch belastend für den Körper sein. Hitze allein verursacht noch keinen Hitzschlag, aber wenn die natürlichen Mechanismen zur Abgabe überschüssiger Wärme nicht funktionieren, kann es zu schweren Schäden der lebenswichtigen Organe (Gehirn, Nieren, Lunge, Herz) kommen. Werden Hunde (seltener auch Katzen) aufgrund von Überhitzung in der Praxis vorgestellt, muss es daher schnell gehen.

Wie funktioniert die normale Thermoregulation?

Hunde und Katzen geben normalerweise 70 % der überschüssigen Wärmeenergie durch 2 Mechanismen an die Umwelt ab (Abb. 1): 

  • direkt in Form von Strahlung 
  • über ein Medium, z.B. einen kühlen Luftzug (Konvektion) oder direkten Kontakt mit kühlen Oberflächen (Konduktion)

 

Hierfür muss allerdings ein Temperaturunterschied zwischen dem Körperinneren und der Umgebung vorliegen. Damit dies effektiv ist, müssen die Blutgefäße der Haut weitgestellt sein (Vasodilatation), sodass möglichst viel Wärme von innen nach außen transportiert und abgegeben werden kann.

Wenn die Umgebungstemperaturen steigen, wird ein anderer Mechanismus immer wichtiger: die Wärmeabgabe über Verdunstung von Wasser (Evaporation). Da unsere Haustiere jedoch nicht (oder kaum) schwitzen, müssen sie dies über die Atmung (Hecheln, Abb. 1) tun.

Gut zu wissen - Probleme bei der Thermoregulation

Die natürlichen Mechanismen zur Thermoregulation können ihre Funktion nicht richtig erfüllen, wenn …

  • sich das Tier in einem geschlossenen Raum befindet, in dem sich die Hitze staut.
  • die Luftfeuchtigkeit zu hoch und damit die Verdunstung (Hecheln) unwirksam wird.
  • Missbildungen oder Erkrankungen der oberen Atemwege vorliegen, die die Atmung einschränken (Brachyzephalie, Larynxparalyse, Trachealkollaps).
  • Hypovolämie oder Herzerkrankungen die Durchblutung der Haut beeinträchtigen.
  • Übergewicht oder sehr dichtes Fell die Wärmeabgabe über die Haut verhindern.
     

Was richtet ein Hitzschlag an?

Durch die Kombination aus weitgestellten Gefäßen und vermehrten Flüssigkeitsverlusten durch das Hecheln kann es zu einem Volumenmangel im Gefäßsystem kommen (Hypovolämie), der bis zum Schock fortschreiten kann.

Sind die Möglichkeiten zur Kompensation ausgeschöpft, führt eine weitere Steigerung der Körpertemperatur zu einer akuten Entzündungsreaktion, die den gesamten Körper betrifft. Dabei wird die innere Auskleidung der Blutgefäße (Endothel) geschädigt, und auch die Darmschleimhaut kann durchlässig für bakterielle Toxine werden, die dann ins Blut übertreten. Im Rahmen der körperweiten Entzündung wird auch das Blutgerinnungssystem aktiviert. Es entstehen winzige Blutgerinnsel (Mikrothromben), die kleinste Blutgefäße verstopfen und so zu Organschäden führen können. Hiervon können u. a. die Nieren, die Lunge, das Gehirn und auch der Magen-Darm-Trakt betroffen sein.

Mögliche Folgen eines Hitzschlags:

  • Schock
  • Durchfall
  • Erbrechen
  • Schwellung der Atemwege, Atemnot
  • akute Nierenschädigung
  • Sepsis
  • Gerinnungsstörungen (DIC)
  • Blutungen
  • Herzarrhythmien
  • Durchblutungsstörungen im Gehirn, Hirnödem
  • Magenulzera

Wie sehen Patienten mit Hitzschlag aus?

Nicht alle Patienten werden mit einer erhöhten Körpertemperatur vorgestellt. Je nachdem, wie lange die Überhitzung her ist und ob die Besitzer bereits Maßnahmen ergriffen haben, können sie mit erhöhter, normaler oder sogar erniedrigter Temperatur eintreffen.

Die meisten Patienten weisen Symptome eines Schockes auf:

  • erhöhte Herzfrequenz
  • gerötete Schleimhäute 
  • schwacher Puls 
  • eingeschränktes Bewusstsein
  • meist beschleunigte und angestrengte Atmung

 

Besonders bei brachyzephalen Patienten und solchen mit Vorerkrankungen der oberen Atemwege können auch laute Atemgeräusche vernommen werden. Erbrechen und Durchfall treten auch häufig auf. Bei besonders schwer betroffenen Tieren kann man auch Kopfzittern, akutes Erblinden, kleine Blutungen in Haut oder Schleimhaut und blutigen Urin feststellen.

Was gehört zur Versorgung eines Hitzschlag-Patienten?

Wie bei jedem Notfall-Patienten gehört eine kurze Notfalluntersuchung (Triage, Kasten: Versorgung eines Hitzschlag-Patienten) zur Erstversorgung dazu. Dabei werden vor allem Atmung, Herz-Kreislauf-System, Körpertemperatur und Bewusstseinszustand beurteilt und entsprechende Maßnahmen eingeleitet.

Tipp:
In jedem Fall könnt Ihr bereits mit der Sauerstoffverabreichung beginnen und alles für einen venösen Zugang und die Infusionstherapie bereitlegen.

Bei Tieren mit Krämpfen oder Bewusstlosigkeit sollte der Blutzucker gemessen und ggf. Glukoselösung verabreicht werden. Stark gestresste Tiere und solche mit eingeschränkter Atemwegsfunktion sollten sediert werden. Im schlimmsten Fall kann auch eine Intubation nötig werden. Das aktive Kühlen erfolgt in Abhängigkeit von der aktuellen Körpertemperatur. 

Ein paar Worte zum aktiven Kühlen

Tipp:
Wird Euch der Patient mit stark erhöhter Körpertemperatur vorgestellt (über 40 °C), solltet Ihr ihn aktiv kühlen.

Das Abkühlen kann auf verschiedene Arten erfolgen:

  • Durchnässen des Felles mit lauwarmem Wasser (15–30 °C, Abb. 2), am besten abduschen oder eintauchen und Aufstellen eines Ventilators
  • Kühlpacks im Bereich der großen Blutgefäße (Halsvene, Leistengegend)
  • Scheren bei sehr dichter Unterwolle


Bitte legt keine nassen Handtücher auf den Patienten (Abb. 3). Sie werden schnell warm und verhindern dann die Wärmeabgabe über die Haut, ähnlich wie ein dichtes Fell.

Cave
Spülen der inneren Organe (Magenspülung, Einlauf, Harnblasenspülung) kann ebenfalls hilfreich sein, birgt aber auch Risiken (Aspirationspneumonie, Perforationen, Harnwegsinfekte). Dies sollte nur angewendet werden, wenn die anderen Maßnahmen nicht ausreichen.

Gut zu wissen

Versorgung eines Hitzschlag-Patienten: 

  • Triage – A B C D E
  • „Airways“ – Atemwege frei?
  • „Breathing“ – Atemfrequenz, -muster, -geräusche?
  • „Circulation“ – Herzfrequenz, Schleimhautfarbe, kapilläre Rückfüllungszeit, Pulsqualität, Temperatur, Bewusstsein
  • „Disabilities“ – Krampfanfälle? Seitenlage? Desorientierung? 
  • „Exposure“ – Sport in der Sonne? heißes Auto?
  • Sauerstoff (Flow-by oder Maske)
  • intravenöse Infusion
  • aktives Kühlen 
  • ggf. Sedation
  • ggf. Glukoselösung
     

Tipp:
Aktiv gekühlt wird nur bis die Körpertemperatur auf 39,4 °C abgesunken ist, um eine Unterkühlung zu vermeiden.

Häufig werden die Tiere trotz aller Vorsicht hypotherm (Abb. 4) und müssen später noch mit Decken warmgehalten oder sogar aktiv wieder gewärmt werden.  

Checkliste
Was könnt Ihr vorbereiten, wenn ein Hitzschlag-Patient telefonisch angekündigt wird?

  • Sauerstoff
  • Thermometer
  • Schüssel/Eimer mit Wasser, das beim Eintreffen des Patienten lauwarm ist
  • Ventilator
  • alles für einen venösen Zugang und Blutuntersuchungen
  • Infusionslösung und Infusionsbesteck
  • Glukometer und Glukoselösung
  • alles zur Intubation
  • Ambu-Beutel
  • falls vorhanden, Monitor mit EKG, Blutdruck, Pulsoxymetrie, Kapnographie
     

Kurz und knapp

Evaporation, also Verdunstung von Feuchtigkeit mit der Atmung ist der wichtigste Mechanismus zur Wärmeabgabe bei heißen Temperaturen. Patienten mit Hitzschlag sind echte Notfälle und können schwere Schäden durch die Überhitzung erleiden. Die wichtigsten Maßnahmen sind Sauerstoff, Infusionstherapie und aktives Kühlen des Patienten. Das Kühlen sollte immer mit lauwarmem Wasser erfolgen, nicht mit Eiswasser oder Alkohol. Kann der Patient nicht normal atmen, muss er evtl. intubiert werden.

Alle Abbildungen © WDT nach einer Vorlage von Ute Klein-Richers

Autorin

Dr. Ute Klein-Richers

Resident des European College of Veterinary Emergency and Critical Care (ECVECC)
 

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