Lahmheit beim Pferd
Die 5 Lahmheitsgrade
Um den Schweregrad einer Lahmheit zu beurteilen, wird ein „Score-
System“ verwendet.
Dabei wird häufig auf die Einteilung in 5 Lahmheitsgrade der AAEP
(American Association of Equine Practitioners) zurückgegriffen:
- Grad 1: Die Lahmheit ist schwierig zu erkennen und/oder ist nicht konsistent erkennbar unabhängig von den Untersuchungsbedingungen.
- Grad 2: Die Lahmheit ist im Schritt oder im Trab auf festem Untergrund auf gerader Linie schwierig zu erkennen und/oder unter bestimmten Untersuchungsbedingungen konsistent zu erkennen.
- Grad 3: Die Lahmheit ist konsistent im Trab unter allen Untersuchungsbedingungen zu erkennen.
- Grad 4: Die Lahmheit ist offensichtlich. Es sind Schrittverkürzungen, deutliches Nicken und/oder Kruppenbewegungen erkennbar.
- Grad 5: Die Gliedmaße wird in der Bewegung und/oder in Ruhe nur minimal belastet. Das Pferd zeigt ein Unvermögen zu laufen.
Gut zu wissen
Ein zeitnaher Handlungsbedarf ist immer bei einer Lahmheit gegeben, die …
- seit wenigen Stunden bis Tagen besteht,
- sich durch eine höhergradige Lahmheit auszeichnet und
- unter Umständen mit einer Beeinträchtigung des Allgemeinzustands einhergeht.
Die akute, hochgradige Lahmheit
Akute, hochgradige Lahmheiten stellen eine alltägliche Notfallsituation im Arbeitsalltag eines Pferdemediziners dar. Nach einer umfassenden Anamnese und gründlichen Allgemeinuntersuchung erfolgt die spezielle Untersuchung des Bewegungsapparats.
Wichtig, in jeder Notfallsituation gilt: Zunächst Ruhe bewahren, sich einen Überblick verschaffen, um dann strukturiert und zielorientiert zu arbeiten. Das Einhalten von tierschutzrechtlichen Aspekten zu jedem Untersuchungszeitpunkt, eine umfassende Aufklärung des Besitzers und die Befunddokumentation sind obligatorisch.
Tipp:
Fragt die Besitzer:innen bereits am Telefon nach der letzten Tetanusimpfung. Bei Unklarheiten können sie den Equidenpass bei der Untersuchung vorlegen.
Die Liste der Differenzialdiagnosen, die es bei der Untersuchung abzuklären gilt, besteht u.a. aus:
- Hufabszess
- Hufrehe
- Nageltritt
- Distorsionstrauma
- offenen Zusammenhangstrennungen von Bändern und Sehnen
- gedeckten Band- und Sehnenrupturen
- septischer Arthritis
- Fissur
- Fraktur
- Luxation
Hufabszess – von heute auf morgen hochgradig lahm
Es wird zwischen einer oberflächlichen (Pododermatitis purulenta superficialis, Abb. 1) und einer tiefen Form (Pododermatitis purulenta profunda) unterschieden. Beim Hufabszess ist sowohl die Überprüfung der Pulsation der Arteriae digitalis palmaris/plantaris medialis et lateralis als auch die Untersuchung mit der Hufzange positiv. Mittels röntgenologischer Untersuchung können unter Umständen Gaseinschlüsse in der Hufkapsel nachgewiesen werden. Durch diagnostisches Nachschneiden kann oft bereits eine erste therapeutische Maßnahme eingeleitet werden.
Hufrehe – ein kurzer Überblick
Bei der Pododermatitis aseptica diffusa (Hufrehe) spielen ursächlich vor allem Stoffwechselerkrankungen (Equines Cushing Syndrom, Equines Metabolisches Syndrom), hochgradige Kohlenhydrataufnahme, Nachgeburtsverhaltung und Überbelastungen eine Rolle. Betroffene Pferde verlagern zur Entlastung der Zehenspitzen den Körperschwerpunkt auf die Trachten, sodass das typische Erscheinungsbild eines Parallelogramms entsteht. Pferde mit einer akuten aseptischen Entzündung der Huflederhaut zeigen einen gebundenen Gang und ausgeprägten Wendeschmerz (Skala nach Obel). Im Röntgen wird häufig eine Hufbeinrotation und/oder -senkung sichtbar (Abb. 2). Um nachfolgende Komplikationen (z.B. partielle Saumbandlösung, Ausschuhen, Hufbeinnekrose, hohle/lose Wand) zu verhindern, ist ein sofortiges Handeln mit dem Einleiten von geeigneten Therapie-
maßnahmen indiziert.
Die röntgendichte Markierung (z.B. Bariumsulfatpaste, Bleimarkierung, Abb. 2) an der dorsalen Hufwand dient als Hilfsmittel, um eine mögliche Verlagerung des Hufbeins in der Hornkapsel leichter darstellen zu können. Neben dem Rotationswinkel werden zudem die Hufrehestrecke ("founder distance"), die Wanddicke, die Hufsohlendicke und der palmare/plantare Winkel ausgemessen, um die Dislokation und die Schäden am Hufbeinträger sowie den Schweregrad der Erkrankung beurteilen zu können. Bei der Hufrehe unterscheiden wir ein Prodromalstadium, ein akutes Stadium sowie ein chronisch stabiles und instabiles Stadium.
Nageltritt – kleinster Stich mit großer Gefahr
Bei einem Nageltritt handelt es sich per definitionem um ein Eindringen eines scharfen oder spitzen Gegenstands in die Hufunterseite (Hufsohle, Strahlfurche, Strahl). Abhängig von der Tiefe und der Lokalisation des Eintritts können auch tieferliegende lebenswichtige Strukturen beschädigt werden. Synoviale Strukturen (Fesselbeugesehnenscheide, Hufgelenk, Bursa podotrochlearis) sind bei einem Nageltritt häufig betroffen (Abb. 3). Zudem kann der Keimeintrag mit hervorgerufener Kontamination durch die Gegenstände zu septischen Infektionen mit nachfolgender Verschlechterung des Allgemeinbefindens führen. Die Prognose ist hierbei abhängig von dem Schweregrad und dem Alter der Stichverletzung.
Tipp:
Ein Nageltritt ist immer als Notfall zu werten und bedarf einer intensiven Versorgung.
Nachdem der Huf mit dem Gegenstand geröntgt wurde, um den Stichkanal lokalisieren zu können, werden Huf und Eintrittsstelle gereinigt und der penetrierende Gegenstand schnellstmöglich entfernt. Da die Gefahr besteht, dass die Einstichstelle schnell unkenntlich wird, wird diese dokumentiert. Der Stichkanal wird trichterförmig ausgeschnitten. Je nach Lokalisation kann zudem eine Versorgung (Kürettage, Spülung etc.) in Allgemeinanästhesie notwendig werden.
Tipp der Redaktion:
Weitere Informationen zum Nageltritt findest Du im Beitrag „Nageltritt – Ein kleiner Stich, ein großes Problem“ in Ausgabe 27/24 der TFA-News.
Verletzungen – häufiger Notfall in der Pferdemedizin
Muskuloskelettale Verletzungen des Bewegungsapparats werden nach der Adspektion und Palpation anhand ihres Kontaminationsgrads klassifiziert. Bei der Beurteilung einer Läsion werden neben der Lokalisation auch die Ausdehnung, das Alter und die Tiefe beurteilt. Die Therapie und Versorgung der Wunde folgt den allgemeinen Prinzipien der Wundbehandlung (Halsted-Prinzipien).
Verletzungen mit unstillbaren und stärkeren Blutungen und partielle oder vollständige Durchtrennungen von Bändern oder Sehnen (Abb. 4), welche meist durch direkte Traumata verursacht werden, sollten schnellstmöglich versorgt werden.
Auch die Eröffnung synovialer Strukturen (z.B. Gelenke, Schleimbeutel, Sehnenscheiden) fordert ein sofortiges Handeln. Bei diesem kritischen Zustand kann sich infolge eines septischen Infektionsgeschehens rasch eine lebensbedrohliche Situation entwickeln. Neben eines intensiven Wunddebridements wird eine intrasynoviale Spülung und Antibiotikagabe notwendig, häufig in Allgemeinanästhesie. Die Arthroskopie stellt hierbei nicht nur eine geeignete Therapieoption dar, sondern gibt auch einen Einblick über das Ausmaß der Schädigung und liefert folglich einen Hinweis für die Prognose.
Gut zu wissen
Häufig werden kleinere Verletzungen, die durchaus tief sein können, unterschätzt. Vorsicht, kleinere Verletzungen deuten nicht zwingend auf ein „kleines Problem“ hin.
Frakturen – Das 1 x 1 der Erstversorgung
Frakturen entstehen häufig infolge eines Traumas. Eine übersteigende Krafteinwirkung führt schließlich zur Unterbrechung der Kontinuität und zu einer Zusammenhangstrennung der Knochen.
Erste Hinweise auf eine Fraktur bestehen bei folgenden Befunden:
- abnormale Funktion
- Instabilität
- Krepitation
- vermehrte Weichteilschwellung
- Schmerzhaftigkeit
Je nach Fraktur/Fissur gelingt eine gesicherte Diagnose durch weiterführende Maßnahmen wie Röntgen (Abb. 5a), Ultraschalluntersuchung, zusätzlichem CT (Abb. 5b) oder Szintigrafie (Abb. 5c). Die Einteilung von Frakturen erfolgt anhand folgender Charakteristika: Ursache, Lokalisation (Salter-Harris-Klassifikation), Geometrie, Weichteilintegrität (offen/geschlossen), mit/ohne Gelenksbeteiligung, komplett/unvollständig, disloziert/nicht disloziert.
Für den Therapieerfolg der Fraktur ist vor allem die Primärversorgung entscheidend:
1. evtl. Sedation
2. Wundversorgung
3. Frakturstabilisierung
4. Schmerzmittel- und Antibiotikagabe, ggf. Infusion
5. Transport in Überweisungsklinik
Die Einteilung der Frakturstabilisierung an Vorder- und Hintergliedmaßen erfolgt in vier Zonen:
- Zone I: Huf bis distales Röhrbein (Vorder- und Hintergliedmaße)
- Zone II: distales Röhrbein bis distaler Radius (Vordergliedmaße) bzw. Sprunggelenk (Hintergliedmaße)
- Zone III: distaler Radius bis Ellenbogengelenk (Vordergliedmaße) bzw. Sprunggelenk bis Kniegelenk (Hintergliedmaße)
- Zone IV: Strukturen proximal des Ellenbogengelenks (Vordergliedmaße) bzw. Kniegelenks (Hintergliedmaße)
Im Rahmen der Frakturstabilisierung sollte eine möglichst korrekte Gliedmaßenposition hergestellt werden, um das Dislozieren einzelner Knochenfragmente und zusätzliche Weichteilschäden zu verhindern.
Tipp:
Bei den Cast- und Schienenverbänden ist zwingend auf eine ausreichende Polsterung zu achten, um verbandsbedingten Druckstellen vorzubeugen.
Im Rahmen der Erstversorgung gelten bei der Stabilisierung von Frakturen folgende Regeln (Abb. 6):
- Das Gelenk proximal und distal der Fraktur immobilisieren.
- Cast bzw. Schiene nie in der Mitte des Röhrenknochens enden lassen.
- Optimalerweise in 2 Ebenen schienen.
Ziel ist es, eine fortschreitende Verletzung der Gliedmaße während des Transports zu verhindern und einen möglichst stress- und schmerzfreien Transport zu gewährleisten.
Tipp:
Weise die Besitzer:innen daraufhin, dass sie für einen optimalen Transport des Pferdes auf eine ausreichende Größe des Pferdeanhängers achten sollten. Die Verladerampe sollte keine Steigung aufweisen.
Gut zu wissen
Jede Gelenkeröffnung stellt einen absoluten Notfall dar. Bei dem Verdacht einer septischen Arthritis liefert die diagnostische Punktion der synovialen Struktur unter aseptischen Bedingungen mit nachfolgender makroskopischer (Farbe, Viskosität, Transparenz) und mikroskopischer Untersuchung (Zellgehalt, Gesamteiweiß etc.) einen relevanten Hinweis. Dies gilt auch für andere Synovialräume.
Kurz und knapp
Nicht bei jeder Lahmheit ist eine sofortige Vorstellung bei einem Tierarzt notwendig. Akute, hochgradige Lahmheiten, stark blutende oder tiefergehende Wunden und Achsenabweichungen des Bewegungsapparats stellen einen tiermedizinischen Notfall dar. Sie sollten im Sinne des Tierschutzes schnellstmöglich von einem Tierarzt untersucht und behandelt werden. Ein optimales Notfallmanagement und die Erstversorgung mit einer zeitangepassten Einleitung notwendiger medizinischer Maßnahmen ist maßgeblich und entscheidend für den Therapieerfolg und die Prognose.
Nele Hamer
Tierärztin, Pferdeklinik Bargteheide