Euter mehrerer Kühe von hinten

Akute Mastitis in der Rinderpraxis

»Jennifer Nehls«

Nicht nur eine Frage der Hygiene

Häufig fallen Symptome einer akuten Euterentzündung in den Abendstunden nach dem Melken auf. Typisch ist der zeitliche Zusammenhang zur Geburt, wenn die körpereigenen Abwehrkräfte der Kuh geschwächt sind. Jennifer Nehls berichtet über mögliche Risikofaktoren, Symptome und Notfallmaßnahmen.

Eutergesundheit – häufig ein Wunschdenken

Das Euter (Abb. 1) der Kuh ist ein hochstrapaziertes, sensibles Organ. Beim Liegen ist es durch den Kontakt zum Boden einer deutlichen Keimbelastung ausgesetzt. Aber auch das Melken birgt Risiken einer Infektion. Über kontaminierte Hände und Melkzeuge können sich Erreger innerhalb des Bestands ausbreiten.

Tipp:
Eine gute Hygiene von Melkanlagen und Liegeflächen ist ebenso wichtig für die Eutergesundheit der Kühe wie das Stallklima.

Die Landwirt:innen sollten bei Auffälligkeiten folgende Parameter beurteilen und dokumentieren:

  • Allgemeinbefinden und Körperinnentemperatur der Kuh
  • Beschaffenheit des Milchsekrets
  • Tastbefund (Schmerzhaftigkeit, Umfangsvermehrung, Wärme)
  • Futter- und Wasseraufnahme
  • Milchrückgang

Berichten die Landwirt:innen von zwei oder mehr Parametern, die deutlich von der Norm abweichen, besteht der Verdacht auf eine akute Mastitis.

Tipp:
Du solltest die Tierärzt:innen umgehend informieren, es besteht akute Lebensgefahr.
 

Euter mehrerer Kühe von hinten
Abb. 1 | Eutergesundheit – häufig ein Wunschdenken.

Akute Mastitis – Welche Symptome sind typisch?

Die akute Mastitis ist eine plötzlich auftretende Entzündung des gesamten Eutergewebes, einer oder mehrerer Viertel. Die Kuh weist ein deutlich gestörtes Allgemeinbefinden mit Schmerzen, Fieber (> 40,0 °C), Inappetenz und Diarrhoe sowie einen Rückgang der Milchleistung auf. Die Viertel oder das gesamte Eutergewebe sind geschwollen, derb und schmerzhaft. Auffällig ist, dass das gemolkene Sekret seinen typischen Milchcharakter plötzlich – von einer Melkzeit zur anderen – verliert. Das Sekret ist wässrig und enthält eitrige Flocken.
 

Welche Erreger verursachen eine akute Mastitis?

Die Bakterien dringen meist über den Strichkanal ins Euter ein. Je nach Art und Menge des Erregers und nach Immunstatus der Kuh kommt es zu einer unterschiedlich schwer ausgeprägten Mastitis.

Eine hochgradige akute Entzündung des Euters tritt oftmals nach der Geburt oder im Rahmen einer Geburtskomplikation auf. Sie wird durch gramnegative Bakterien wie E. coli, Streptococcus uberis und Klebsiella verursacht.

Gut zu wissen

Die akute Mastitis mit „Coli-Keimen“ geht mit einer rasanten Vermehrung der Infektionserreger im Euter und ihrem anschließenden Zerfall einher. Die beim Zerfall der Bakterien freigesetzten Endotoxine verursachen häufig systemische, fieberhafte und mitunter lebensbedrohliche Krankheitsverläufe.

Für den Nachweis von Mastitis-Erregern im Sekret benötigt man vermehrungsfähige Erreger. Zerfallene Bakterien sind jedoch nicht mehr vermehrungsfähig. Dies kann zu Problemen bei der zytobakteriologischen Untersuchung führen, wenn das Sekret bereits seinen typischen Milchcharakter verloren hat. Irreführenderweise kann diese deshalb auch bei schwer kranken Kühen falsch negativ ausfallen.

Arzt untersucht eine Kuh
Abb. 2 | Im Rahmen einer gründlichen klinischen Untersuchung werden Differenzialdiagnosen abgeklärt, z.B. Verdauungsstörungen mit Diarrhoe, Brunst, Hitzestress mit negativer Energiebilanz oder Puerperalinfektionen (nach der Geburt auftretende Infektionen).

Notfallmaßnahmen bei einer akuten Mastitis

Eine akute Mastitis ist grundsätzlich als Notfall zu werten.

Welche Maßnahmen sind indiziert?

  • gründliche klinische (Abb. 2) und geburtshilfliche Untersuchung
  • Untersuchung des Euters inklusive Sekretprobenentnahme für die zytobakteriologische Diagnostik
  • Oxytocingabe und mehrmaliges Ausmelken (alle 2–3 Stunden)
  • antitoxische Therapie
       -Nicht steroidale Antiphlogistika (NSAID)
       -Infusion mit Glukose, isotonischer Kochsalzlösung oder ggf. Drenchen 
  • systemische Antibiose, je nach Verdachtsdiagnose und Erfahrungen innerhalb des Bestands
  • lokale, intrazisternale (über den Zitzenkanal) Antibiose mit einem Breitbandantibiotikum 
  • Dokumentation der Behandlung
  • Kennzeichnung der Kuh aufgrund der Wartezeit
  • Kontrolle nach 24 Stunden

Treten akute Mastitiden gehäuft in einem Betrieb auf, lohnt sich ein Blick auf vorherige Ergebnisse der bakteriologischen Untersuchung. Diese können in Zusammenhang mit den Untersuchungsbefunden und den individuellen Erfahrungen innerhalb des Bestands wegweisend für die Wahl des akut parenteral zu verabreichenden Antibiotikums sein. Sollte die Therapie nicht erfolgreich sein, ist ein Wechsel anhand des Ergebnisses der bakteriologischen Untersuchung erforderlich. Liegt die Kuh bereits fest, ist die Prognose deutlich schlechter. 
 

Gut zu wissen

Was bedeutet Drenchen? Haben Kühe eine akute Mastitis mit toxinbildenden Erregern, kann ein frühzeitiges Drenchen helfen, schweren Krankheitsverläufen entgegenzuwirken. Dabei pumpt man mithilfe eines Drenchers Wasser in den Pansen.

Die Flüssigkeitsmenge hilft:
- Toxine auszuschwemmen
- Fieber zu senken 
- Stoffwechsel und Allgemeinzustand zu stabilisieren

Achtung, Drenchen ist als Zwangsmaßnahme zu werten, die den Tieren zugleich Stress bereitet. 

Was ist das Ziel der Behandlung?

Ziel ist eine vollständige Ausheilung der Mastitis und eine rasche Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit der Kuh. Bei einer Infektion mit endotoxinbildenen „Coli-Keimen“ ist eine Reduktion der Endotoxinbelastung für eine schnelle Ausheilung zwingend erforderlich.

Die Reduktion der Endotoxine wird durch folgende Maßnahmen erreicht:

  • Ausscheidung über die Milch fördern
        - häufiges Ausmelden aller Viertel nach Oxytocingabe
        - Oxytocin stimuliert die Milchproduktion
  • Ausscheidung über Urin und Kot fördern
        - Infusionstherapie
        - ggf. Drenchen

 

Tipp:
Wusstest Du, dass eine gesunde Kuh je nach Milchleistung und Witterungsverhältnissen 80–120 l Wasser am Tag aufnimmt?
 

Bestandsprobleme lösen

Treten akute Euterentzündungen gehäuft in einem Bestand auf, können große wirtschaftliche Verluste resultieren. Nur eine konsequente Diagnostik und Erforschung der Ursachen (Abb. 3) hilft, das Bestandsproblem dauerhaft zu lösen.

Sonderfall: Mastitis gangraenosa

An einer Mastitis gangraenosa sind E. coli, aber auch Clostridien und Staphylococcus aureus beteiligt. Die Kühe fallen aufgrund eines schlechten Allgemeinbefindens mit einem pochenden und rasenden Puls und Apathie auf. Sie haben oftmals kein Fieber, liegen aber fest. Tückisch ist, dass die Landwirt:innen zu diesem frühen Zeitpunkt der Infektion noch keine Auffälligkeiten am Euter feststellen können.

Tipp:
Berichten die Landwirt:innen am Telefon von einer apathischen, festliegenden Kuh, sollten Deine Alarmglocken schrillen.

Im weiteren Verlauf verfärben sich die Viertel bläulich bis schwarz. Die Haut des Euters wird kalt. Ursächlich für diesen Befund sind Durchblutungsstörungen und Nekrosen des Eutergewebes. Das gemolkene Sekret wird rotbraun, wobei auch Gas ermolken werden kann. Kühe mit einer Mastitis gangraenosa haben eine derart schlechte Prognose, dass eine Therapie aussichtlos ist. 

Arzt untersucht Kühe in einem Stall
Abb. 3 | Bei einem Bestands- problem ist auch ein gründlicher Blick auf die Melkanlagen sinnvoll. Häufig finden sich hier die Ursachen.

Kurz und knapp

Bei einer akuten Mastitis besteht akute Lebensgefahr für die Kuh. Ein frühzeitiges Eingreifen sowie eine gründliche klinische Untersuchung von Kuh und Euter sind wesentlich für den Therapieerfolg. Für die akute Therapie ist es wichtig, auch Ergebnisse früherer zytobakteriologischer Untersuchungen des Bestands miteinzubeziehen.

Portrait Frau Nehls
Autorin

Dr. Jennifer Nehls

Pressebüro für Human- und Tiergesundheit
tfa@drjennifernehls.de

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