Osteopathie beim Pferd
Grundlagen der Osteopathie
Die Osteopathie ist eine sehr sanfte Heilkunst, die mit ihren Techniken sowohl den Körper als auch die Psyche des Patienten positiv beeinflusst. Nicht nur die Muskeln, Faszien und das Skelettsystem, sondern auch die inneren Organe und das Nervensystem mit seinen Häuten und Flüssigkeiten können hierbei durch den Therapeuten behandelt werden.
Osteopath:innen sprechen vom:
- parietalen System (Bewegungsapparat mit Knochen, Muskeln und Gelenken)
- faszialen System (Faszien, Bindegewebe)
- viszeralen System (innere Organe)
- kraniosakralen System (ZNS und Rückenmark mit Häuten und Flüssigkeiten)
Eine Störung oder Funktionsveränderung (z.B. in der Eigenbeweglichkeit bzw. ein Bewegungsverlust) zweier in Verbindung stehender Strukturen wird als osteopathische Läsion (synonym somatische Dysfunktion, umgangssprachlich „Blockade“) bezeichnet. Es kann sich hierbei um Strukturen des Haltungs- und Bewegungsapparats wie die Gelenke, Knochen, Faszien und Muskulatur, aber auch um die dazugehörenden Gefäße, Nerven oder Lymphbahnen handeln.
Die Kriterien für das Diagnostizieren einer osteopathischen Läsion sind:
- Restriktion der Mobilität
- Asymmetrie
- Veränderung der Gewebetextur und Sensibilität
Das Diagnostizieren erfordert ein sehr differenziertes Palpieren des Gewebes und schließt diverse osteopathische Tests mit ein.
Gut zu wissen
Die osteopathische Medizin ist eine von der WHO anerkannte Behandlungsform, die auf den amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still (1828–1917) zurückgeht. Symptome können mithilfe seiner Methode verschwinden und der Körper kann den aktuell bestmöglichen Zustand an Gesundheit erhalten oder wiederherstellen. In der Tiermedizin wurde die Osteopathie als erstes vom französischen Tierarzt Dominique Giniaux am Pferd ausgeübt.
Verkettungen und Kompensationen
Meist bleibt es im Laufe des Lebens nicht bei einer primären Dysfunktion, sondern es bilden sich sekundäre Dysfunktionen und sog. Verkettungen von Läsionen. In der Regel versucht sich das Pferd zudem durch Kompensationen an den gestörten Zustand anzupassen.
Tipp:
Der gekrümmte Rücken eines Tieres mit Schmerzen im Bauchraum ist zum Beispiel eine typische Kompensation.
Osteopathie, Chiropraktik oder Physiotherapie?
Die Osteopathie und die Chiropraktik haben viele Gemeinsamkeiten, aber auch einige Unterschiede. Während die Osteopathie alle Strukturen des Körpers miteinbezieht, konzentriert sich die traditionelle Chiropraktik schwerpunktmäßig auf die Wirbelgelenke und die weiteren großen Gelenke des Körpers. Sie fokussiert in ihrem Ansatz die positive Beeinflussung des Nervensystems durch ihre Manipulation der Wirbelgelenke. Dabei verwenden sowohl die Osteopathie als auch die Chiropraktik ähnliche direkte Grifftechniken an den Gelenken. Dieses ist in der Biodynamik der Gelenke begründet. Die Techniken können nicht stark variieren, um das entsprechende Gelenk schonend und nachhaltig zu mobilisieren.
Die Physiotherapie arbeitet im Vergleich zur Osteopathie mit physikalischen Methoden oder Übungen, um die körperliche Funktion zu verbessern, Schmerzen zu lindern oder eine Rehabilitation zu ermöglichen.
Häufige Indikationen für den Einsatz der Osteopathie beim Pferd
Viele typische Indikationen für eine osteopathische Behandlung bei Pferden sind Erkrankungen, die Folgen einer suboptimalen Haltung und Nutzung sind. Dies trifft jedoch nicht in allen Fällen zu.
Tipp:
Trete nicht mit Vorurteilen an den Patienten heran, sondern betrachte ihn aus einer neutralen Perspektive heraus.
Vielleicht findest Du Hinweise darauf, wie die Besitzer:innen die Haltungs- und Nutzungsbedingungen ihres Pferdes optimieren können.
Beispiele für typische Indikationen:
- akute Erkrankungen des Bewegungsapparats nachdem die akute Phase abgeklungen ist, z.B. Distorsionen, Muskelzerrungen und -risse, Faszienverletzungen
- chronische Erkrankungen des Bewegungsapparats, z.B. Arthrosen, alte Verletzungen
- nach Operationen und in der Rehabilitation, sobald die Wundheilung abgeschlossen ist
- in der Narbentherapie
- bei Rittigkeitsproblemen (Abb. 1) nach Ausschluss anderer Ursachen
- präventiv bei „gesunden“ Pferden, die geritten werden
- Sport- und Zuchtpferde, Fohlen und Senioren (Abb. 2, Abb. 3)
- begleitend bei neurologischen und internistischen Erkrankungen
Wie viele Sitzungen sind nötig?
In der Osteopathie wird grundsätzlich zwischen funktionellen und strukturellen Befunden unterschieden. Liegen lediglich funktionelle Befunde vor, sind diese in der Regel sehr gut mit einigen wenigen Sitzungen zu therapieren. Meist verschwinden die Beschwerden vollständig.
Strukturelle Veränderungen, z.B. eine Arthrose, erfordern dagegen langfristig angelegte Maßnahmen und zum Teil eine lebenslange, regelmäßige Begleitung und Behandlung. Sie sind nicht reversibel. Die Therapie kann aber die Symptomatik und die Lebensqualität des Patienten deutlich verbessern.
Je nach Ausprägung der Erkrankung im Einzelfall sollte auf jeden Fall in einer Kosten-Nutzen-Analyse abgewogen werden, ob die Osteopathie überhaupt eine adäquate Therapieoption für den Patienten ist. Selbstverständlich ist die Osteopathie mit weiteren Therapieformen oder auch der Schulmedizin (wenn erforderlich) kombinierbar.
Was ist bei der Ausbildung zu beachten?
Die Berufsbezeichnung Tierosteopath:in ist in Deutschland kein geschützter Beruf. Jeder kann sich theoretisch so bezeichnen – auch ohne qualifizierte Ausbildung. Dies kann mannigfaltige Schäden verursachen, z.B. durch eine fehlerhafte oder unvollständige Diagnosestellung oder Therapie. Daher ist grundsätzlich der Besuch einer anerkannten Schule für Tierosteopathie zu empfehlen.
Tipp der Reaktion:
Im Beitrag „Pferdeosteopathie/-physiotherapie – Endlich machen, woran das Herz hängt“ (Seite 24) findet Ihr Tipps zur Wahl einer geeigneten Ausbildungsstätte.
Kurz und knapp
Die Osteopathie ist für viele Pferde ein echter „Gamechanger“. Es ist verblüffend, wie sich die Tiere nach den Sitzungen weiterentwickeln. Jedoch ist unbedingt darauf zu achten, dass sie bei geeigneten Indikationen zum Einsatz kommt.