Pferd von der Seite

Osteopathie beim Pferd

»Sonja Schirmer«

Ein erster Einblick in die Therapie

Die osteopathische Medizin ist im Kern eine manuelle Therapie mit einem ganzheitlichen Ansatz. Ihr Ziel ist es, den Körper in eine optimale Balance zu bringen und seine Selbstregulation und -heilung anzuregen. Sonja Schirmer gibt einen Einblick in die sanfte Heilkunst, nennt Indikationen und Unterschiede zur Chiropraktik und Physiotherapie. 

Grundlagen der Osteopathie

Die Osteopathie ist eine sehr sanfte Heilkunst, die mit ihren Techniken sowohl den Körper als auch die Psyche des Patienten positiv beeinflusst. Nicht nur die Muskeln, Faszien und das Skelettsystem, sondern auch die inneren Organe und das Nervensystem mit seinen Häuten und Flüssigkeiten können hierbei durch den Therapeuten behandelt werden.

Osteopath:innen sprechen vom:

  • parietalen System (Bewegungsapparat mit Knochen, Muskeln und Gelenken)
  • faszialen System (Faszien, Bindegewebe)
  • viszeralen System (innere Organe)
  • kraniosakralen System (ZNS und Rückenmark mit Häuten und Flüssigkeiten)


Eine Störung oder Funktionsveränderung (z.B. in der Eigenbeweglichkeit bzw. ein Bewegungsverlust) zweier in Verbindung stehender Strukturen wird als osteopathische Läsion (synonym somatische Dysfunktion, umgangssprachlich „Blockade“) bezeichnet. Es kann sich hierbei um Strukturen des Haltungs- und Bewegungsapparats wie die Gelenke, Knochen, Faszien und Muskulatur, aber auch um die dazugehörenden Gefäße, Nerven oder Lymphbahnen handeln.

Die Kriterien für das Diagnostizieren einer osteopathischen Läsion sind: 

  • Restriktion der Mobilität
  • Asymmetrie
  • Veränderung der Gewebetextur und Sensibilität

 

Das Diagnostizieren erfordert ein sehr differenziertes Palpieren des Gewebes und schließt diverse osteopathische Tests mit ein. 

Gut zu wissen

Die osteopathische Medizin ist eine von der WHO anerkannte Behandlungsform, die auf den amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still (1828–1917) zurückgeht. Symptome können mithilfe seiner Methode verschwinden und der Körper kann den aktuell bestmöglichen Zustand an Gesundheit erhalten oder wiederherstellen. In der Tiermedizin wurde die Osteopathie als erstes vom französischen Tierarzt Dominique Giniaux am Pferd ausgeübt.
 

Verkettungen und Kompensationen

Meist bleibt es im Laufe des Lebens nicht bei einer primären Dysfunktion, sondern es bilden sich sekundäre Dysfunktionen und sog. Verkettungen von Läsionen. In der Regel versucht sich das Pferd zudem durch Kompensationen an den gestörten Zustand anzupassen.

Tipp:
Der gekrümmte Rücken eines Tieres mit Schmerzen im Bauchraum ist zum Beispiel eine typische Kompensation.

Vergleich der Haltung eines Pferdes vor und nach einer Therapie
Abb. 1 | Stute mit Rittigkeits- problemen vor und nach der Therapie. Auf dem oberen Bild fallen deutlich die in Ruhe untergeschobenen Hinterbeine, ein inaktiver Rumpfträger und ein abgesenkter Hals auf. In dieser suboptimalen Körperhaltung kann die Stute den passiven Stehmechanismus ihres Bewegungsapparats nicht korrekt nutzen. Das Stehen kostet sie weit mehr Energie und Kraft als bei ideal balancierten Pferden. Nach der Therapie steht die Patientin deutlich „aufgerichteter“ und ausbalancierter und somit in einer gesunden, effizienten Körperhaltung.

Osteopathie, Chiropraktik oder Physiotherapie?

Die Osteopathie und die Chiropraktik haben viele Gemeinsamkeiten, aber auch einige Unterschiede. Während die Osteopathie alle Strukturen des Körpers miteinbezieht, konzentriert sich die traditionelle Chiropraktik schwerpunktmäßig auf die Wirbelgelenke und die weiteren großen Gelenke des Körpers. Sie fokussiert in ihrem Ansatz die positive Beeinflussung des Nervensystems durch ihre Manipulation der Wirbelgelenke. Dabei verwenden sowohl die Osteopathie als auch die Chiropraktik ähnliche direkte Grifftechniken an den Gelenken. Dieses ist in der Biodynamik der Gelenke begründet. Die Techniken können nicht stark variieren, um das entsprechende Gelenk schonend und nachhaltig zu mobilisieren.

Die Physiotherapie arbeitet im Vergleich zur Osteopathie mit physikalischen Methoden oder Übungen, um die körperliche Funktion zu verbessern, Schmerzen zu lindern oder eine Rehabilitation zu ermöglichen.

Häufige Indikationen für den Einsatz der Osteopathie beim Pferd

Viele typische Indikationen für eine osteopathische Behandlung bei Pferden sind Erkrankungen, die Folgen einer suboptimalen Haltung und Nutzung sind. Dies trifft jedoch nicht in allen Fällen zu.

Tipp:
Trete nicht mit Vorurteilen an den Patienten heran, sondern betrachte ihn aus einer neutralen Perspektive heraus.

Vielleicht findest Du Hinweise darauf, wie die Besitzer:innen die Haltungs- und Nutzungsbedingungen ihres Pferdes optimieren können.

Beispiele für typische Indikationen:

  • akute Erkrankungen des Bewegungsapparats nachdem die akute Phase abgeklungen ist, z.B. Distorsionen, Muskelzerrungen und -risse, Faszienverletzungen 
  • chronische Erkrankungen des Bewegungsapparats, z.B. Arthrosen, alte Verletzungen
  • nach Operationen und in der Rehabilitation, sobald die Wundheilung abgeschlossen ist
  • in der Narbentherapie
  • bei Rittigkeitsproblemen (Abb. 1) nach Ausschluss anderer Ursachen 
  • präventiv bei „gesunden“ Pferden, die geritten werden
  • Sport- und Zuchtpferde, Fohlen und Senioren (Abb. 2, Abb. 3)
  • begleitend bei neurologischen und internistischen Erkrankungen 
Ostheopatische Therapie eines Pferdes durch eine Person
Abb. 2 | Osteopathische Therapie eines Seniors zur Gesunderhaltung.

Wie viele Sitzungen sind nötig?

In der Osteopathie wird grundsätzlich zwischen funktionellen und strukturellen Befunden unterschieden. Liegen lediglich funktionelle Befunde vor, sind diese in der Regel sehr gut mit einigen wenigen Sitzungen zu therapieren. Meist verschwinden die Beschwerden vollständig.

Strukturelle Veränderungen, z.B. eine Arthrose, erfordern dagegen langfristig angelegte Maßnahmen und zum Teil eine lebenslange, regelmäßige Begleitung und Behandlung. Sie sind nicht reversibel. Die Therapie kann aber die Symptomatik und die Lebensqualität des Patienten deutlich verbessern.

Je nach Ausprägung der Erkrankung im Einzelfall sollte auf jeden Fall in einer Kosten-Nutzen-Analyse abgewogen werden, ob die Osteopathie überhaupt eine adäquate Therapieoption für den Patienten ist. Selbstverständlich ist die Osteopathie mit weiteren Therapieformen oder auch der Schulmedizin (wenn erforderlich) kombinierbar.

Was ist bei der Ausbildung zu beachten?

Die Berufsbezeichnung Tierosteopath:in ist in Deutschland kein geschützter Beruf. Jeder kann sich theoretisch so bezeichnen – auch ohne qualifizierte Ausbildung. Dies kann mannigfaltige Schäden verursachen, z.B. durch eine fehlerhafte oder unvollständige Diagnosestellung oder Therapie. Daher ist grundsätzlich der Besuch einer anerkannten Schule für Tierosteopathie zu empfehlen.

Tipp der Reaktion:
Im Beitrag „Pferdeosteopathie/-physiotherapie – Endlich machen, woran das Herz hängt“ (Seite 24) findet Ihr Tipps zur Wahl einer geeigneten Ausbildungsstätte.  

Vergleich eines Pferdes vor und nach der Therapie
Abb. 3 | Älteres Polopony vor und nach der Therapie. Diese ältere Stute steht auf dem oberen Bild mit einer hohen Kruppe und wirkt „überbaut“, ihr Rumpf- träger ist nicht aktiviert. Nach der Therapie wird der Hals lockerer getragen, der Rumpfträger ist „aktivierter“, die innere Lendenmuskulatur ist entspannter, der Kruppenwinkel und die Rückenlinie verändern sich positiv. Die ältere Stute wirkt somit nicht mehr „überbaut“, d.h. es handelte sich hier lediglich um eine ungünstige Körperhaltung und nicht um ein suboptimales Exterieur.

Kurz und knapp

Die Osteopathie ist für viele Pferde ein echter „Gamechanger“. Es ist verblüffend, wie sich die Tiere nach den Sitzungen weiterentwickeln. Jedoch ist unbedingt darauf zu achten, dass sie bei geeigneten Indikationen zum Einsatz kommt. 

Portrait Frau Schirmer
Autorin

Sonja Schirmer

Tierärztin, Osteopathin
www.sonjaschirmer.de
sonjaschirmer@googlemail.com

Buchcover PferdeSkills

Unser Produkttipp!

PferdeSkills - Arbeitstechniken in der Pferde- und Eselpraxis

Dieser bewährte Kitteltaschen-Guide bietet fundiertes Know-how, praxisnahe Tipps und Schritt-für-Schritt-Anleitungen für die Pferde- und Eselpraxis.

Jetzt entdecken

  • Sprechblase Kontakt Icon
  • technischer Service Icon