Otitis externa bei Kleintieren

»Dr. Barbara Heilinger«

Wissenswertes für die TFA

Entzündungen des äußeren Gehörgangs kommen in der Kleintierpraxis häufig vor. Für die richtige Diagnose sind korrekt durchgeführte Untersuchungsmethoden nötig, und der Behandlungserfolg hängt von der adäquat durchgeführten Therapie ab. Gerade hier ist die Arbeit der TFA enorm wichtig, da sie die Tierärzt: innen gut unterstützen können und Patientenbesitzer: innen eine große Hilfe für die Behandlung der Ohrenentzündung darstellen.

Der Aufbau des Ohres

Das Ohr besteht aus dem äußeren, dem Mittel- und dem Innenohr. Mit dem Trommelfell endet der äußere Gehörgang. Er ist wie der restliche Körper mit Epithel, Haaren und Hautanhangsdrüsen ausgekleidet. Wenn wir von einer Otitis externa sprechen, meinen wir eine Entzündung im Bereich der Ohrmuschel und des äußeren Gehörgangs (Abb. 1, Abb. 2).

Warum kommt es zu Ohrenentzündungen?

Die Ursachen für Ohrenentzündungen sind vielfältig. Wie bei allen Hautproblemen ist eine genaue Erhebung der Krankengeschichte wichtig für die erfolgreiche Behandlung.

Man unterscheidet zwischen verschiedenen Faktoren, die das Entstehen einer Ohrenentzündung beeinflussen: 

  • prädisponierende Faktoren: Enge oder stark behaarte Gehörgänge begünstigen beispielsweise das Entstehen einer Entzündung. Aber auch eine vermehrte Ohrenschmalzproduktion oder häufiges Schwimmen können zur Otitis externa führen. 
  • primäre Krankheitsursachen: Sie sind häufig und reichen von Fremdkörpern, parasitären Infektionen und Allergien über Schilddrüsenunterfunktion, Polypen und Tumoren bis hin zu autoimmunen Erkrankungen wie Pemphigus foliaceus. 
  • perpetuierende Faktoren können eine Ohrenentzündung aufrechterhalten oder verschlimmern: resistente Infektionen, Otitis media, Veränderungen des Gehörgangs (Schwellungen, Narbenbildung oder Verknöcherungen, die eine Einengung des Gehörgangs bewirken).

Was bedeutet eine Entzündung des Gehörgangs?

Eine Besiedelung des äußeren Gehörgangs mit gewissen Keimen ist normal, in jedem gesunden Ohr ist eine ausgeprägte natürliche Mischflora zu finden. Liegt jedoch eine Entzündung vor, sind meist gewisse Erreger in Überzahl vorhanden. Man unterscheidet zwischen einer bakteriellen und/oder Hefepilz-Überwucherung (Abb. 3, Abb. 4) bzw. Infektion (Nachweis von Bakterien und/oder Malassezien). Von einer Überwucherung spricht man, sobald mehr Bakterien oder Hefepilze als normal nachgewiesen werden. Eine Infektion liegt vor, wenn zusätzlich auch Entzündungszellen (Abb. 5, Abb. 6) gefunden werden bzw. bestimmte pathogene Bakterien (Abb. 7a, b, Abb. 8) vorhanden sind.

Wie untersucht man den äußeren Gehörgang?

Tiere mit Ohrenentzündungen zeigen unterschiedliche Symptome: Manche haben Juckreiz oder Schmerzen im Ohrenbereich, andere zeigen Kopfschütteln oder -schiefhaltung. Außerdem kann vermehrt Zerumen (Ohrenschmalz) bzw. eitriges (teils stinkendes) Material sichtbar sein. 

Die Untersuchung der Ohrmuschel zeigt, ob weitere Hautveränderungen vorhanden sind. Durch Betasten des Kopfes kann man Schwellungen oder Verhärtungen fühlen und evaluieren, ob Juckreiz bzw. Schmerzen vorliegen. Der Gehörgang selbst wird mittels Otoskop-Lampe untersucht. Nur so ist es möglich, den horizontalen Bereich des Gehörgangs und das Trommelfell zu beurteilen. Raumfordernde Prozesse, die Beschaffenheit des Zerumens/Exsudats, Fremdkörper und das Vorhandensein von Entzündungssymptomen werden so beurteilt. 

Tipp:
Lege zwei Otoskopaufsätze bereit. Es ist wichtig, für jedes Ohr einen eigenen Aufsatz zu verwenden, um mögliche unterschiedliche Infektionen nicht von einem Ohr zum anderen zu übertragen.

In manchen Fällen ist die Otoskopie nicht gleich möglich, z. B. wenn der Patient zu schmerzhaft oder der Gehörgang stark geschwollen ist. In diesen Fällen ist manchmal eine Sedierung für die Untersuchung nötig bzw. muss zuerst eine abschwellende Therapie erfolgen, um die Otoskopie zu einem späteren Zeitpunkt zu ermöglichen.

Gut zu wissen

So einfach geht eine Schnellfärbung: Für die zytologische Untersuchung (Abb. 9) wird der Objektträger mit einer Diff-Quick-Färbung (Abb. 10) gefärbt, die typischerweise in der Praxis zur Beurteilung von Blutausstrichen und zytologischen Proben verwendet wird. Hierbei handelt es sich um eine Fixierlösung und zwei Färbelösungen.

Nach Trocknung des Ausstrichs (Lufttrocknen oder kurzes Hitzefixieren) wird das Präparat je 5 Sekunden in die Lösungen getaucht: zuerst in die Fixierlösung, dann in die rote und zuletzt in die blaue Färbelösung. Anschließend wird der Objektträger vorsichtig mit destilliertem Wasser abgespült. Nach dem Trocknen kann die Probe unter dem Mikroskop untersucht werden: So kann festgestellt werden, ob eine Überwucherung/Infektion mit Bakterien und/oder Hefepilzen bzw. Entzündungszellen vorliegt, was einen entscheidenden Hinweis auf die zu erfolgende Behandlung bzw. weitere Diagnostik gibt. Wenige Kokken (runde Bakterien) und Malassezien (Hefepilze) sind als normal zu betrachten, wobei das Vorliegen von stäbchenförmigen Bakterien sowie von Entzündungszellen immer als pathologisch zu werten ist.

Diese Untersuchungstechnik eignet sich auch hervorragend, um den Therapieerfolg zu evaluieren, denn im Abklatsch ist die Quantität der vorhandenen Keime gut beurteilbar.

Welche Rolle spielen Mikroskopie und Zytologie?

Welche Art von Entzündung/Infektion vorliegt, wird mit einer ganz einfachen Untersuchungsmethode diagnostiziert: Man nimmt einen Abklatsch vom Gehörgang und untersucht diesen unter dem Mikroskop (Abb. 9). Diese Untersuchung braucht nur wenige Minuten und ist praktisch bei jedem Patienten durchführbar. 

Benötigte Materialien: 

  • Wattestäbchen
  • Objektträger 
  • Haema-Schnellfärbung (Diff-Quick, Abb. 10)
  • Mikroskop
     

Mittels Wattestäbchen sammelt man mit einer drehenden Bewegung eine Probe vom Übergang des vertikalen zum horizontalen Gehörgang. Das Wattestäbchen wird anschließend auf einem Objektträger ausgerollt. 

Tipp: 
Bei Verdacht auf eine parasitäre Infektion kannst Du den Objektträger direkt, also nativ unter dem Mikroskop bei kleinster Vergrößerung untersuchen.

Wann sind eine bakteriologische Kultur und Resistenzüberprüfung sinnvoll?

Durch die sterile Tupferprobenentnahme von Gewebe kann im Labor eine Keimbestimmung mit anschließender Resistenzüberprüfung erfolgen. So diagnostiziert man den genauen Bakterienstamm und bekommt Hinweise bzgl. möglicher Resistenzbildung der Keime in Bezug auf die antibiotische Therapie.

Diese Untersuchungsmethode sollte sinnvollerweise eingesetzt werden, wenn: 

  • wiederkehrende Ohrenentzündungen vorhanden sind
  • wiederholte Antibiotikagaben keinen Therapieerfolg gebracht haben 
  • der Verdacht auf eine Mittelohrentzündung vorliegt 
  • stäbchenförmige Bakterien in der zytologischen Untersuchung zu finden sind

 

Da es in den letzten Jahren vermehrt zu Infektionen mit multiresistenten Keimen gekommen ist und dieses Thema auch die Veterinärmedizin betrifft, sollte der Einsatz von Antibiotika genau indiziert und der Therapieerfolg gewissenhaft überwacht werden.

Otitis externa erfolgreich behandeln

Die erfolgreiche Behandlung von Ohrenentzündungen hängt von verschiedenen Faktoren ab: Neben der korrekten Therapie der Otitis externa darf eine Betrachtung der zugrunde liegende Faktoren nicht zu kurz kommen. Weiterführende Maßnahmen müssen gezielt durchgeführt werden, um primäre Probleme zu diagnostizieren bzw. zu behandeln. Ansonsten ist das Risiko von wiederkehrenden Entzündungen sehr hoch.

Tipp:
Die Besitzerkommunikation ist sehr wichtig: Durch die Vermittlung eines guten Verständnisses über Ursachen und nötige Therapiemaßnahmen trägst Du entscheidend zur erfolgreichen Behandlung bei.
 

Das richtige Know-how für eine erfolgreiche Therapie

Zur Behandlung der Otitis externa stehen uns verschiedene Mittel zur Verfügung. Im Rahmen der Therapie ist das mechanische Entfernen von Zerumen und infektiösem Material besonders wichtig. Einsatzhäufigkeit und Wahl des Reinigers hängen von der Schwere und Art der Entzündung ab. Bakterien können eine schützende Matrix um sich bilden (Biofilm, Abb.11). Diese macht sie unempfindlich gegenüber Antibiotika und gewissen Umwelteinflüssen. Gerade in diesen Fällen ist eine gute Reinigung des Gehörgangs wichtig.

Ohrreiniger und Wirkstoffe:

  • Zerumenolytische Wirkstoffe helfen bei fest anhaftenden Belägen und lösen diese nach kurzer Einwirkdauer gut auf. 
  • Ist der Gehörgang sehr feucht, helfen trocknende Wirkstoffe.
  • Je bröckeliger und krustiger die Läsionen sind, desto mehr eignen sich ölige Reiniger zur Behandlung. 
  • Ist der Gehörgang eher nässend und feucht, helfen wässrige Substanzen. 
  • Antimikrobielle Inhaltsstoffe zeigen eine gute Wirkung bei bakteriell infizierten Otitiden und kommen allein oder in Kombination mit antibiotischen Substanzen zum Einsatz. Sie sind ein wichtiges Therapeutikum bei chronischen und multiresistenten Infektionen.

 

Generell ist bei einer Otitis externa die lokale Therapie einer systemischen Behandlung vorzuziehen. Die Wahl des geeigneten Medikaments richtet sich nach der Art der Infektion. Manche Wirkstoffe sind nur für den äußeren Gehörgang gedacht (potenziell ototoxisch), weshalb die otoskopische Untersuchung des Gehörgangs und die Beurteilung des Trommelfells wichtig für die Wahl des geeigneten Medikaments sind.

Kurz und knapp

Für eine korrekte Untersuchung einer Otitis externa sind Otoskopie und Zytologie unerlässlich. Die zytologische Untersuchung liefert schnell und einfach Informationen über Art und Schwere der Entzündung und hilft bei der Wahl weiterer Diagnostik- und Therapiemaßnahmen. Um eine Otitis externa erfolgreich zu therapieren, müssen zugrunde liegende Ursachen mitbehandelt werden. Entscheidend ist eine gute Kommunikation mit den Patientenbesitzer:innen und eine genaue Schulung über das korrekte Reinigen/Behandeln des Ohres.

Alle Abbildungen © Dr. Barbara Heilinger 

Autorin

Dr. Barbara Heilinger 

Veterinärdermatologin
https://vetdermatologie.at

ehemalige Leiterin der dermatologischen Ambulanz der Veterinärmedizinischen Universität Wien

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