Überblick über die Faszienforschung
Osteopathie – Welche Indikationen gibt es?
Domänen der Osteopathie sind:
- Fehlhaltungen
- Verspannungen
- Schmerzen
- Rittigkeitsprobleme
- Leistungseinbußen
Bei bereits ausdiagnostizierten Lahmheiten kann die Osteopathie ergänzend zur Schulmedizin zum Einsatz kommen. Viele Pferde, die aus unterschiedlichen Gründen unter Stress stehen, profitieren sehr von einer osteopathischen Therapie, da diese das vegetative Nervensystem positiv beeinflussen und ausgleichen kann (Abb. 1, Abb. 2). Daher kommen viele Sportpferde regelmäßig in den Genuss dieser sanften Methode. Es gibt noch weitere Indikationen.
Tipp:
Im Zweifel sollten qualifizierte Osteopath:innen entscheiden, ob eine osteopathische Therapie sinnvoll ist oder nicht.
Natürlich hat jede Therapieform ihre Grenzen, z.B. wenn es effektivere Möglichkeiten gibt. Die Osteopathie ersetzt zudem keine gründliche diagnostische Abklärung.
Entwicklung der Faszienforschung und -therapie
Untrennbar mit der Osteopathie verbunden sind die Faszienforschung und -therapie.
Tipp:
Faszienbefunde stehen oft in Zusammenhang mit osteopathischen Dysfunktionen.
Die Faszienforschung ist heute in aller Munde, obwohl sie noch ein recht junges Feld der Wissenschaft ist. Ihre Anfänge liegen in der 2000ern. In den Jahren zuvor wurden die Faszien lediglich als Bindegewebe und Verschiebeschicht betrachtet. Sie wurden z.B. in anatomischen Präparationen entfernt, um die „eigentlichen Strukturen“ wie Muskeln oder Sehnen darzustellen. In den folgenden Jahren änderte sich diese Annahme komplett, da mehr und mehr Funktionen des Fasziengewebes bekannt wurden.
Gut zu wissen
Der amerikanische Physiotherapeut Tom Myers hat als erster die myofaszialen Linien im menschlichen Körper entdeckt, die als anatomische Zuglinien oder auch vereinfacht als „Faszienautobahnen“ beschrieben werden. Sie helfen in erster Linie bei der Muskelkoordination, Kraftübertragung und Stabilisierung des Körpers. Diese Faszienlinien wurden später von den dänischen Tierärztinnen DVM Rikke M. Schultz, DVM Tove Due und DVM PhD Vibeke S. Elbrond zunächst auf Pferde und später auf Hunde übertragen. Hier erfüllen sie denselben Zweck wie beim Menschen. Sind sie gestört, kann auf den Linien auch direkt therapiert werden.
Was sind Faszien?
Faszien bestehen vornehmlich aus:
- Kollagen- und Elastinfasern
- Bindegewebszellen
- Flüssigkeit
Ihre Bestandteile sind in Darstellungen oft in Schichten dargestellt, diese gehen aber ineinander über. Es handelt sich faktisch daher eher um ein Kontinuum, d.h. alles ist miteinander in Verbindung. Dieses Modell liefert auch die Erklärung für die Entstehung von vielen faszialen Problematiken und die globale Wirksamkeit von einigen therapeutischen Anwendungen.
Heute werden Faszien als eigenes Organ betrachtet, da sie den gesamten Körper inklusive der Eingeweide und des Gehirns durchziehen und vielfältige Funktionen erfüllen. Da sie viele Rezeptoren und freie Nervenendigungen enthalten, wird die Gesamtheit der Faszien als größtes Sinnesorgan des Körpers angesehen.
Welche Bedeutung haben Faszien?
Faszien enthalten besonders zahlreiche Rezeptoren zur Propriozeption und tragen somit zur Körperwahrnehmung und Bewegungskoordination bei. Sie spielen zudem eine wichtige Rolle bei der Kraftentwicklung der Muskeln und ihrer Kraftübertragung.
Die vielen freien Nervenendigungen und Schmerzrezeptoren, die in den Faszien liegen, führen dazu, dass veränderte Faszien eine wichtige Rolle bei chronischen Schmerzerkrankungen spielen. Weitere typische fasziale Beschwerden sind Verklebungen und Verfilzungen des Fasergewebes.
Tipp:
Je älter ein Tier wird, desto mehr Flüssigkeit verlieren die Faszien. Dies führt dazu, dass ältere Tiere grundsätzlich eher zu faszialen Befunden neigen als junge.
Therapieansätze für die Erhaltung der faszialen Balance
Es gibt seit Beginn der Faszienforschung einige effektive Therapieansätze, um gezielt fasziale Dysbalancen zu behandeln, beispielsweise:
- die myofaszialen Entspannungspunkte nach Dr. Kerry Ridgway
- die Behandlung der myofaszialen, kinetischen Ketten
- die Fasziale Manipulation nach Stecco (Abb. 3)
Auch in der klassischen Osteopathie gibt es verschiedene etablierte Techniken zur gezielten Therapie von Faszienbefunden, z.B. das Myofasziale Release. Alle Ansätze haben gemeinsam, dass sie die bestmögliche fasziale Balance und Funktion wiederherstellen und erhalten möchten.
Kurz und knapp
Faszien tragen entscheidend zur Körperwahrnehmung, Bewegungskoordination, muskulären Kraftentwicklung und Kraftübertragung bei. Nach einer gründlichen tierärztlichen Abklärung bietet die Faszientherapie durch qualifizierte Osteopath:innen vielfältige Einsatzmöglichkeiten in der Pferdemedizin.
Alle Abbildungen © Sonja Schirmer
Sonja Schirmer
Tierärztin, Osteopathin
www.sonjaschirmer.de
sonjaschirmer@googlemail.com
Hamburg