Zeichnung eines Pferdeschädels

Der Wolfszahn im Visier

»Nele Hamer«

Kleiner Zahn ganz groß

Viele kennen den Wolfszahn wohl als einen, vor allem im Vergleich mit den anderen Backenzähnen, kleinen Zahn, der nicht selten klinische Symptome beim Pferd verursachen kann und folglich extrahiert werden muss. Gilt dies für jeden Wolfszahn? Was sind Indikationen, die eine Entfernung dieses Zahnes notwendig machen? Dieser Fragestellung und weiteren Besonderheiten dieses Zahnes im Pferdegebiss geht Nele Hamer auf den Grund.

Anatomische Lage des Wolfszahns

Der Wolfszahn (Dens lupus, Abb. 1, Abb. 2) wird der Kategorie der Prämolaren zugeordnet (Abb. 3a). Er ist demnach als „5er“ (Triadan 05 der 1. Backenzahn (P1)) in der Zahnreihe (Abb. 3b). Der Durchbruch des Wolfszahns als erster Prämolare findet ca. im Alter von 5–18 Monaten statt. Je nach Zahnkeimanlage kann ein Pferd keinen, mehrere oder aber in allen 4 Zahnreihen der einzelnen Quadranten (Abb. 3 c) Wolfszähne ausbilden. Diese können mesial (kranial bzw. rostral), medial oder lateral des 2. Prämolaren liegen. Wolfszähne kommen ca. bei 50 % der Pferde vor und treten häufiger im Oberkiefer und bei männlichen Pferden auf. Die Form stellt sich meist als brachydont dar, d. h. als Zahn mit kurzer klinischer und anatomischer Zahnkrone und Zahnwurzel, wobei zumeist eine einzelne kurze Wurzel im Zahnhalteapparat verankert ist.

Bleibt der überzählige 1. Prämolar von der Gingiva bedeckt, wird von einem „blinden“ Wolfszahn gesprochen.

 

Gut zu wissen

Bei dem Auftreten eines Wolfszahns wird fachlich auch von einer „atavistischen Polyodontie“ gesprochen, d. h. es handelt sich um einen zurückgebildeten, überzähligen Zahn. Aufgrund der evolutionsbedingten Veränderungen der Platzverhältnisse in der Maulhöhle des Pferdes ist der Wolfszahn häufig nur rudimentär angelegt und ausgebildet – zum Teil fehlt er auch ganz. Im Vergleich zu den anderen Backenzähnen weist er zudem eine veränderte Form und Funktion auf.

a: Anatomische Lage des Wolfszahns.
b: Klassifizierung nach Triadan.
c: Darstellung der einzelnen Quadranten.

Welche funktionelle Bedeutung hat der Wolfszahn?

Grundsätzlich hat der Wolfszahn seine mahlende Funktion in der Kauleiste der Backenzähne des Pferdes verloren. Dies ist auf seine entwicklungsgeschichtlich veränderte Anatomie und die zum Teil bestehende Rudimentation zurückzuführen. Häufig liegen die Wolfszähne reaktionslos und ohne störende Auswirkungen auf die Maulhöhlengesundheit mesial des 2. Prämolaren. Aufgrund der unterschiedlichen anatomischen Ausbildung und Lagebeziehung sowie der großen Variationen in der strukturellen Form und Größe kann es aber unter Umständen zu funktionellen Störungen und Schmerzreaktionen kommen.

Die Folge sind Rittigkeitsprobleme mit folgenden Symptomen: 

  • Headshaking
  • Abwehrreaktionen beim Reiten und Einsetzen des Trensengebisses
     

Wann ist eine Extraktion empfehlenswert?

Die Wolfszahnextraktion sollte nicht ohne Indikation und grundsätzlich durchgeführt werden.

Indikationen für eine Extraktion sind: 

  • abnorme Lage
  • lockerer Sitz
  • Entzündung 
  • Vorliegen eines blinden Wolfszahns (Abb. 4)
Gut zu wissen

Es empfiehlt sich, bei Jungpferden vor dem Einreiten und dem in diesem Zusammenhang stehenden ersten Einsetzen des Trensengebisses, eine Maulhöhlenuntersuchung durchzuführen. Dabei ist es sinnvoll, unter anderem das Vorliegen von Wolfszähnen zu prüfen, um eine eventuell notwendig werdende Korrektur frühzeitig vorzunehmen. Auf diese Weise können möglicherweise entstehende Schmerzen für das Pferd verhindert werden.

Die Wolfszahnextraktion findet am sedierten Patienten statt

Vor einer Extraktion ist eine spezielle Untersuchung der Maulhöhle erforderlich.

Für den Eingriff könnt Ihr folgende Vorbereitungen treffen:

  • Tetanusimpfschutz überprüfen
  • Sedierung und Lokalanästhesie in Absprache mit dem Tierarzt aufziehen
  • Instrumente (Abb. 5) zur Lockerung (Bein‘sche Wurzelheber) und zum Ziehen des Zahnes (Zahnzangen) vorbereiten

Kurz und knapp

Der Wolfszahn entspricht dem 1. Prämolaren der Zahnleiste im Pferdegebiss. Aufgrund einer evolutionsbedingten Adaption des Pferdes weist er im Vergleich zu den anderen Backenzähnen eine veränderte Form, Größe und Funktion auf. Die Notwendigkeit einer Extraktion muss immer anhand der individuellen Begebenheiten und in Abhängigkeit der spezifischen Bedürfnisse des Pferdes entschieden werden.

Alle Abbildungen © Nele Hamer

Portrait Frau Hamer
Autorin

Nele Hamer

Tierärztin, Pferdeklinik Bargteheide
 

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